Stuttgart

Rechtsextremismus ist keine Folklore

Der Fall einer Stuttgarter Schule zeigt: Einst geächtete Parolen sind auf dem Weg zur Alltagstauglichkeit.

Stuttgart - „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ – diese üble Parole war noch vor wenigen Jahren eingefleischten Rechtsextremisten vorbehalten. Alle anderen Menschen in Deutschland hätten sie niemals in den Mund genommen, geschweige denn in Partylaune fröhlich gesungen. Das hat sich geändert.

Vor gut zwei Jahren hat ein Video große Aufregung verursacht. Feiernde im Außenbereich einer Bar im noblen Kampen auf Sylt singen den fremdenfeindlichen Text zu einem Disco-Hit, in dem es eigentlich um die Liebe geht. Viel widersinniger kann ein abgeänderter Liedtext wohl nicht sein. Viele ähnliche Vorfälle folgten, im Internet kursiert die Version sogar schon länger. Sie ist offenbar nicht totzukriegen.

An einer Stuttgarter Privatschule herrscht jetzt blankes Entsetzen, weil Kinder und Jugendliche bei einem Sommerfest den einschlägigen Text gesungen haben. In großer Runde, offenbar ohne Schuldbewusstsein oder auch nur Angst, Ärger zu bekommen. Einfach so, wie man auch einen Ballermann-Hit mitsingen würde. Der Schulleiter spricht von einem „unbegreiflichen“ Vorgang und hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den Vorfall aufzuarbeiten und eine künftige Wiederholung zu vermeiden.

Nun tun junge Menschen seit jeher Dinge, die sie vorher nicht zwingend durchdacht haben. Das liegt in ihrer Natur und muss nicht immer schlecht sein. Doch die Zahl der Vorfälle mit rechtsextremen Parolen und Gesängen ist alarmierend. Nach den Szenen auf Sylt herrschte vor zwei Jahren bundesweit große Aufregung. In zahlreichen Fällen ähnlicher Art wurde seither ermittelt – etwa an Schulen, auf Dorffesten und anderen Feiern.

Diese Diskussionen müssten diejenigen, die den einschlägigen Text heute singen, mitbekommen haben. Und dennoch stimmen sie ihn an. Obwohl mutmaßlich die meisten von ihnen, so versichert es auch der Stuttgarter Schulleiter, keine Rechtsextremisten sind. Stattdessen finden sich unter den Sängern dieses fragwürdigen Textes sogar Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Das lässt nur einen Schluss zu: Die jungen Leute denken sich nichts mehr dabei. Die einst geächteten Parolen sind offenbar so alltagstauglich und gesellschaftsfähig geworden, dass viele sie ohne jedes Bewusstsein für deren menschenverachtende Bedeutung übernehmen. Tiktok und andere soziale Medien, auf denen Rechtsextremisten äußerst aktiv sind, verstärken diesen Trend nach dem Motto: Was ständig überall gesagt und gesungen wird, muss ja irgendwie normal sein.

Genau darin liegt die Gefahr: Wenn sich ausländerfeindliche Parolen in die Köpfe schleichen und gerade bei jungen Leuten verfangen, ist die Saat gesetzt für ein Gedankengut, das zu Recht in Deutschland lange verpönt gewesen ist – und wird so zu einem Fest für rechtsextreme Gruppen und Parteien, die ihren Einfluss weiter ausbauen und sich angesichts der Vorfälle die Hände reiben dürften.

Die Schulen können nur Aufklärung entgegensetzen. Es ist aber eine Aufgabe der Politik und der gesamten Gesellschaft, solche Tendenzen nicht schulterzuckend zuzulassen. Zumal das Strafrecht in diesem Fall nicht hilft: Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ sind von der freien Meinungsäußerung gedeckt und werden in aller Regel nicht verfolgt. Ein weiterer Umstand, der echten Faschisten in die Karten spielt.

Was deren Treiben zur Folge haben kann und warum der Slogan „Wehret den Anfängen“ hier besonders gilt, muss jungen Menschen wieder klar werden. Damit es künftig heißt: Demokratiefeinde raus.

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