Armin Käfer Stuttgart - Kaum vorstellbar: Vor gut 70 Jahren hatte die Bundesrepublik Deutschland keine eigenen Streitkräfte und keine Soldaten. Dennoch war das damals alles andere als eine pazifistische Republik. Vielen steckte der Krieg noch in den Knochen. Er hatte das Denken aller geprägt, die ihn miterleben mussten. Viele hegten aus verständlichen Gründen eine Abscheu gegen alles, was an Krieg erinnerte: Uniformen, Waffen, Strammstehen. Doch es formierten sich schon die Fronten eines neuen, wenn auch Kalten Krieges. Dieser konfrontierte die Bundesbürger mit Fragen, die ihr Selbstverständnis und ihre Identität berührten: In welcher Art von Staat wollten sie leben? Frei, selbstbestimmt oder unter der Fuchtel eines diktatorischen Regimes, das schon die andere Hälfte Deutschlands beherrschte? Wären sie bereit, die Werte zu verteidigen, die den meisten erstrebenswerter erschienen? Vor diesem Hintergrund entstand die Bundeswehr, eine Streitmacht von „Bürgern in Uniform“. Mit ihr wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt. Schon bei ihrer Premiere auf deutschem Boden anderthalb Jahrhunderte zuvor rang das Land mit existenziellen und durchaus auch identitären Fragen: Napoleon hatte das preußische Heer besiegt, Berlin war besetzt. Viele wollten diese Fremdherrschaft abschütteln. Die Wehrpflicht war ein Geheimnis des Erfolgs in den Befreiungskriegen. Der Stratege Gerhard von Scharnhorst schrieb damals: „Alle Bewohner des Staates sind die geborenen Verteidiger desselben.“ Die heutigen Verhältnisse sind sehr verschieden von denen anno 1813 oder 1956. Doch sie haben sich auch gegenüber der Zeit geändert, als die Wehrpflicht unter Regie der Kanzlerin Angela Merkel ausgesetzt worden ist. Die Bedrohungslage durch ein aggressives Russland erinnern fern an ähnliche Erfahrungen in der Vergangenheit. Dazu kommt: Europa kann sich – anders als im Kalten Krieg – nicht mehr auf Schutz durch die Vereinigten Staaten verlassen. Deutschland und seine Nachbarstaaten müssen sich selbst verteidigen können. Zu einer glaubhaften Abschreckung zählt jedoch eine Bevölkerung, die zur Verteidigung bereit ist. Auch eine Wehrpflicht zwingt niemanden zum Dienst an der Waffe. Das Grundgesetz erlaubt allen, das zu verweigern. Wenn die Wehrpflicht wieder aktiviert würde, sinnvollerweise für Frauen und Männer gleichermaßen, wäre aber jede und jeder gezwungen, darüber nachzudenken, was wir unserem Staat schulden, der ein Leben in Freiheit ermöglicht und darüber hinaus vielfältige Bildung und Aufstiegschancen sowie ein Auskommen in ziemlich kommoden Verhältnissen. Die Wehrpflicht könnte sich als Preis der Freiheit erweisen. Bis dahin hoffen viele noch, dass sich alles auch freiwillig regeln lässt. Die Wehrpflicht hat nicht bloß militärischen Nutzen. Sie vereinigt Menschen aller Schichten, Abiturienten und Schulabbrecher, die Angehörigen unterschiedlicher Filterblasen: Sie müssen im Dienste einer gemeinsamen Sache miteinander auskommen. Und jene, die alles Militärische schreckt, könnten sich im Rahmen einer allgemeinen Dienstpflicht nützlich machen. Eine solche hätte sogar den Vorteil, dass sie nicht nur dem Nachwuchs obliegen würde, sondern auch Ältere mit einbezöge – und somit Generationengerechtigkeit gewährleistete. Bei allem Dissens, der darüber herrscht, sollten wir nicht vergessen, dass gemeinsame Pflichten auch Zusammenhalt stiften können. Insofern ist die aufgrund der aktuellen Verhältnisse unausweichliche Diskussion über eine Neuauflage der Wehrpflicht nicht bloß eine Zumutung. Sie bietet unserem Land und allen Menschen, die gerne hier leben, auch eine neue Chance.
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