Stuttgart - Nach der Vergewaltigung einer 16-Jährigen in der Toilette am Charlottenplatz in Stuttgart will die Polizei ihre Präsenz an der unterirdischen Haltestelle verstärken. „Wir reagieren auf die Lage und passen das an“, sagt die Polizeisprecherin Daniela Treude. Der Bereich rund um die Haltestelle werde nun häufiger bestreift.
Vor zwei Wochen war eine 16-Jährige, die von einer Party im Akademiegarten kam, von zwei bislang unbekannten Tätern verfolgt worden. Als das Mädchen stürzte, schlugen die Täter zunächst auf sie ein. Dann zerrten sie die 16-Jährige in die Toilette in der unterirdischen Haltestelle und vergewaltigten sie. Es ist der zweite Fall innerhalb weniger Monate. Im Oktober 2025 war eine 14-Jährige an derselben Stelle vergewaltigt worden. Ein Zusammenhang zwischen den Taten besteht nach Auskunft der Polizei nicht. Die Täter konnten bisher nicht gefasst werden. Es werden weiterhin Zeugen gesucht.
239 Straftaten im vorigen Jahr
Im vorigen Jahr hat die Polizei am Charlottenplatz 239 Straftaten registriert. Darunter fallen nicht nur Taten in der unterirdischen Haltestelle, sondern auch auf der Kreuzung darüber und in den dort liegenden Geschäften und Wohnhäusern. „Das reicht von der Verkehrsstraftat bis zur häuslichen Gewalt“, sagt Daniela Treude. Es fiel aber auch das Erschleichen von Leistungen, also Schwarzfahren, darunter. „Das alles zusammen erklärt die Vergleichsweise hohe Zahl“, sagt die Polizeisprecherin.
Sexualdelikte gehören aber auch dazu. Neben der Vergewaltigung im Oktober wurden an dem Platz im vorigen Jahr zwei Frauen sexuell belästigt, einmal trat ein Exhibitionist auf, und es gab einen Fall von Erregung öffentlichen Ärgernisses. 2024 wurde ein Sexualdelikt registriert, 2023 waren es zwei solche Straftaten. Im Jahr 2021 waren es ebenso viele wie im vergangenen Jahr (5). 2022 war das Jahr mit der höchsten Zahl an Sexualdelikten am Charlottenplatz (6), darunter war auch eine Vergewaltigung.
Die Kriminalstatistik für die Landeshauptstadt weist in der Kategorie „Sexualdelikte im öffentliche Raum“ für das vorige Jahr insgesamt 24 Vergewaltigungen auf. Das sind acht mehr als 2024. „Der überwiegende Teil der Fälle ereignete sich an Wochenenden in den Nachtstunden. Täter und Opfer lernten sich mehrheitlich erst im Umfeld der Party- und Eventszene kennen“, heißt es.
Polizei kann keine Kameras installieren
Insgesamt sei der Charlottenplatz kein Kriminalitätsschwerpunkt in Stuttgart, teilt die Polizei weiter mit. Insgesamt seien die Straftaten, die dort begangen werden, eher von „geringer Qualität“, so Daniela Treude.
Zuletzt habe man zunehmend Jugendgruppen – vor allem aus der Ukraine – im Akademiegarten angetroffen. Deshalb sei es beispielsweise gelegentlich zu Körperverletzungen gekommen. „Die Mobile Jugendarbeit berichtet aber, dass diese Leute gut auf Ansprache reagieren“, sagt Treude. Müll oder ähnliches seien eher selten ein Problem. Videobilder würden auch bei der Aufklärung des aktuellen Falls helfen. „Weil es sich beim Charlottenplatz nicht um einen Kriminalitätsschwerpunkt handelt, sind die rechtliche Voraussetzungen nicht gegeben, um Kameras zu installieren“, sagt Polizeisprecherin Treude. Seit dem Frühjahr ist Videoüberwachung in Baden-Württemberg im öffentlichen Raum einfacher. Orte, an denen viele Straftaten begangen werden, sind von der Gesetzesänderung aber ausgenommen, ihre Überwachung wird im Polizeigesetz geregelt.
In Stuttgart wurde zuletzt die Videoüberwachung auf dem Schlossplatz um ein weiteres Jahr verlängert. Seit Mai 2022 werden der Schlossplatz und der Obere Schlossgarten freitags- und samstags sowie vor Feiertagen mit 30 Kameras überwacht. Die Anlage wurde nach der sogenannten Krawallnacht im Sommer 2021 beschlossen. Die Anlage habe sich bewährt, sagte unter anderem Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU). Auch die Polizei befürwortet die Überwachung.
Beim Charlottenplatz hat der Rathauschef indes eine andere Meinung als die Polizei: „Wir wollen alle Hebel in Bewegung setzen, die Videoüberwachung an Haltestellen nach dem neuen Landesdatenschutzgesetz auszuweiten und zu verbessern“, sagte Nopper auf Nachfrage unserer Redaktion. Nopper weist darauf hin, dass die Landespolizei „bisher schon mit starken Kräften im Umfeld des Charlottenplatzes im Einsatz“ sei. „Dies soll lageorientiert weiter verstärkt werden.“ Überdies werde ab September 2026 an Brennpunkten im Stadtgebiet eine weitere mobile Anlage zur Videoüberwachung bereitstehen, kündigt Nopper an. Deren Einsatz war – unabhängig von der Tat zuletzt – schon im Mai beschlossen worden.
Am Charlottenplatz sind derzeit keine Kameras installiert, die den Bereich abdecken, in dem sich die Toiletten befinden.
Offenbar steht die Stadt im Austausch mit den Eigentümern der Geschäfte in der Haltestelle und der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB), um weitere Maßnahmen zu erörtern, mit denen die Sicherheit am Charlottenplatz erhöht werden soll. Konkret wird die Pressestelle aber nicht. Zudem sei die Toilette am Charlottenplatz „bis auf Weiteres“ von 20 bis 6 Uhr geschlossen. Das war auch in der Vergangenheit immer wieder der Fall.

