Stuttgart - Mit Zäunen wollte Stefan Schneider in diesem Jahr die Lehrer in ihrer Feierlaune etwas eingrenzen. Am Mittwoch strömten sie wieder massenhaft in seinen Palast der Republik an der Lautenschlagerstraße, um das Ende des Schuljahres beziehungsweise den Beginn der Ferien zu feiern.
In den vergangenen Jahren ist das Treffen stetig gewachsen, seit der Coronapandemie tummeln sich bis zu 5000 Lehrkräfte am letzten Tag des Schuljahrs auf dem Platz vor dem Pavillon. Der Betreiber Schneider hatte vor zwei Jahren Ärger mit der Stadt bekommen, weil seine Gäste auch auf der Straße standen und den Radweg blockierten. Dieses Mal war er gewappnet – doch die Lehrer ließen sich nicht wirklich im Zaum halten.
„Die Lehrer haben den Tag verdient – wie die Schüler auch“, sagte Mario Ernst, der zum ersten Mal auf ein Feierabendgetränk zum „Palast“ gekommen war. Das Schulsystem sei für alle Beteiligten zermürbend, erklärte er. Aus Zufall hatte der Lehrer von einem Kollegen von dem inoffiziellen Treffen erfahren, das sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda offensichtlich jedes Jahr vergrößert. Er freut sich, dass der Lehrertag zu einer Tradition geworden ist: „Wenn Gleichgesinnte zusammenkommen, ist es doch wunderbar!“
Sogar aus Heilbronn und Tübingen würden Kollegen zum Lehrertag anreisen, berichtet Judith Setzer, die in Stuttgart an der Bodelschwingh-Schule unterrichtet. Auch die Hitze hat sie nicht davon abgehalten. Die Stuttgarterin war schon mehrfach dabei, beim Lehrertag kommt sie mit Kollegen von anderen Schulen zusammen, an denen sie schon gearbeitet hat. „Es ist einfach schön, sich wiederzusehen und den Beginn von sechs Wochen Sommerferien zu feiern“, sagte sie.
Tanja Dieterle und Katharina Scheffel vom Rohräckerschulzentrum in Esslingen haben sich gleich am Eingang platziert, „um zu sehen, wer kommt“. An ihrer Schule fand ein Generationenwechsel statt; neue, junge Lehrer kamen dazu und berichteten vom Lehrertag in der Stuttgarter Innenstadt. Tanja Dieterle entdeckte in der Menge schon einen ehemaligen Referendar und freute sich zu hören, wie es ihm mittlerweile geht. „Dass wir hier nach Schulschluss feiern können, das genießen wir sehr“, erklärte Kathrin Scheffel – zumal an den Schulen anstrengende Zeiten herrschten wegen der vielen unbesetzter Stellen und zunehmender Aufgaben.
„Es hat ganz klein angefangen“, erinnert sich Palast-Mitarbeiter Werner Reines an die Anfänge vor rund 20 Jahren. Nur Stuttgarter Lehrer hätten sich zunächst am letzten Schultag an dem Pavillon getroffen. Nun ist er damit beschäftigt, die Massen etwas zu kontrollieren. Vor dem Bierausschank bildet sich eine lange Schlange. Aber auch der Nachbar Kesselwirt und L'Osteria gegenüber haben sich mit mobilen Bars auf die Lehrer vorbereitet: Die Lautenschlagerstraße wird am Abend von den Lehrkräften in Beschlag genommen – trotz der Zäune.

