Als Deutschland das bisher letzte Mal ein Sportgroßereignis von globaler Bedeutung ausrichtete, hatte der Soundtrack des damaligen Sommers den Titel: „Zeit, dass sich was dreht.“ Es drehte sich so einiges während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 – zum Beispiel die Stimmung im ganzen Land.
Nun nimmt die Nation eine noch größere Herausforderung ins Visier. Es gibt für die Bewerbung um Olympische und Paralympische Sommerspiele zwar noch keinen musikalischen Hit. Der Leitsatz orientiert sich aber – ob gewollt oder ungewollt – an den Zeilen von 2006. 2026 lautet der Slogan: „Die Bewegung, die Deutschland jetzt braucht.“
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat bereits vor Jahren entschieden, dass er sich stellvertretend für das ganze Land nach sieben gescheiterten Versuchen erneut um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bewerben möchte. Sommerspiele sollen es sein. 2036, 2040 oder 2044. Und seit am Samstag in Baden-Baden die Delegierten um 11.17 Uhr ihre Stimmen abgegeben hatten, ist klar: München ist die Stadt, die zum zweiten Mal nach 1972 die Spiele in Deutschland veranstalten möchte.
Die bayerische Metropole setzte sich gegen die Region Köln-Rhein-Ruhr durch. Erstaunlich klar mit 91:50 Stimmen. Die Freude im Münchner Lager war danach groß, aber: Man spürte sogleich auch die große Verantwortung, die nun auf den Schultern der Macher an der Isar liegt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einem „historischen Ziel“. München soll, ja besser: München muss es schaffen.
Die Strahlkraft international spricht für die bayerische Landeshauptstadt. Sie verspricht Spiele der kurzen Wege, will sich ein wenig an Paris 2024 orientieren. Viel wichtiger als die Frage nach dem „Wer“ ist aber das „Wie“. Nicht nur in München, sondern für ganz Deutschland.
Tatsächlich hat allein schon eine Bewerbung die Kraft, Bewegung zu erzeugen. Für den Sport, der in seiner Bedeutung steigt. Für nachwachsende Generationen, die ein sportliches Ziel vor Augen haben, das nur durch hohe Leistungsbereitschaft erreicht werden kann. Für eine Sportinfrastruktur, die nun womöglich schneller ihren teils maroden Zustand überwinden kann. Für Sportarten, die um Nachwuchs ringen, weil sie nicht permanent im öffentlichen Fokus stehen. Für eine Bevölkerung, die schnell verstehen muss, dass eine solche Bewerbung nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie als ein gemeinsames Projekt wahrgenommen wird – in einem Land, in dem Ausgrenzung und Rassismus nicht die Oberhand gewinnen.
Die Signale, die von Baden-Baden ausgehen, waren in dieser Hinsicht schon positiv. Die Politik steht hinter dem Projekt. Und auch die Unterlegenen vom Samstag sicherten München und der deutschen Bewerbung ihre volle Unterstützung zu.
Natürlich darf in den kommenden Jahren das kritische Hinterfragen nicht verstummen. Olympische Spiele sind teuer: auf je fünf Milliarden Euro werden die Event- und Investitionskosten derzeit taxiert, die Hälfte davon wird über Ticketverkäufe, Sponsoreneinnahmen und Rechteverkäufe gedeckt werden. Der Rest muss so investiert werden, dass die Menschen auch nach den Spielen noch von den Infrastrukturmaßnahmen profitieren.
Bis die Spiele tatsächlich nach Deutschland kommen, kann nun viel Zeit vergehen. Das kostet Kraft, verlangt Ausdauer und fortwährende Leidenschaft – für ein gemeinsames Ziel. Es ist also wie im Sport. Und der soll ja bekanntlich die Kraft haben, die Welt zu verändern. Hoffentlich schafft er das von nun an in den kommenden Jahren auch mit Deutschland.
