Stuttgart

Neue Überfälle und Anzeigen am Sex-Treff

Im Degerlocher Wald trifft sich die queere Szene seit vielen Jahren zum spontanen Sex. Seit einiger Zeit fühlt sie sich verfolgt.

Stuttgart - Eigentlich wollen ja alle Beteiligten, dass auf der Waldau wieder Ruhe einkehrt. Zumindest nach vielen Aussagen, die zu hören sind. Doch davon scheint man derzeit weit entfernt. Schon seit Jahrzehnten trifft sich im Wald am Fernsehturm in Degerloch die queere Szene zum spontanen und einvernehmlichen Sex.

Das ist nicht verboten, solange niemand dadurch gestört wird. Schon allein deshalb legen die sogenannten Cruiser großen Wert darauf, im dichten Unterholz nicht gesehen zu werden.

Allerdings herrscht in der Szene große Verunsicherung. Das liegt zum einen daran, dass nach Aussagen der Cruiser die Stadt im besagten Gebiet unverhältnismäßig häufig und gründlich abholze und so den Blickschutz nehme. Das führe zum anderen auch dazu, dass kriminelle Banden immer häufiger auf der Waldau auftauchten und leichtes Spiel dabei hätten, die Cruiser zu verfolgen und körperlich zu attackieren.

Zuletzt hatte die Polizei Ende Juli die Wohnungen von fünf Verdächtigen durchsucht. Die Männer im Alter zwischen 20 und 45 Jahren sollen sowohl in Degerloch als auch auf zwei Autobahnparkplätzen an der A81 seit Juni 2025 mit Quads die queeren Cruiser geradezu gejagt, geschlagen und mit Feuerlöschern besprüht haben. Derzeit laufen die Ermittlungen, die Verdächtigen befinden sich auf freiem Fuß. Um zehn Verletzte in acht Fällen geht es.

In der Szene berichtet man jedoch von viel mehr Vorfällen. „Es sind mindestens drei bis vier Banden unterwegs“, sagt ein Mann. Noch vor Kurzem sei ein Student überfallen worden. Zwei Motorradfahrer und zwei Autos seien dabei im Wald und auf der Waldau unterwegs gewesen. Teilweise würden die Cruiser schon auf dem Parkplatz angegangen. Auch Jugendliche mit Ästen seien unterwegs. „Wir sitzen auf dem Präsentierteller“, sagt ein anderer Mann.

Nach der Berichterstattung in unserer Zeitung haben sich laut einem Polizeisprecher zwei weitere Opfer von Übergriffen gemeldet. Ein Vorfall soll sich am Fernsehturm, ein zweiter auf einem der Autobahnparkplätze abgespielt haben. Allerdings geht man auch bei den Ermittlern von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Cruising-Szene zeige sich sehr verschlossen.

Bei der Stadtverwaltung weist man die Vorwürfe, die Szene vertreiben zu wollen, zurück. Man müsse bedenken, dass in dem Waldgebiet zahlreiche Nutzergruppen, etwa Familien, unterwegs seien, auf die Rücksicht genommen werden müsse. Hingewiesen wird auch auf Hinterlassenschaften der Cruiser, etwa gebrauchte Kondome. Deshalb gebe es immer wieder Beschwerden. Fotos aus den vergangenen Wochen stützen diese Aussage.

Zuletzt hat die Stadt angekündigt, Gespräche mit den Betroffenen aufnehmen zu wollen. Die allerdings scheinen diesem Vorschlag nicht sonderlich zugeneigt zu sein. „Die Szene sagt Nein. Wir brauchen keine Placebo-Gespräche. Worüber will die Stadt reden? Es gibt keine schützenden Bäume mehr“, heißt es dort.

Die Stadt, allen voran Oberbürgermeister Frank Nopper, wolle nur Pinkwashing betreiben, wolle also nur öffentlich Toleranz demonstrieren, während sie zeitgleich Fakten schaffe.

Bei manchen Cruisern gibt es den Verdacht, der Druck auf die Szene könnte damit zu tun haben, dass der Stuttgarter Fernsehturm Anwärter für die Unesco-Weltkulturerbeliste ist. In der Geschichte der Unesco gebe es zahlreiche Beispiele, in denen entsprechende Bestrebungen zu staatlichen Eingriffen und zur Vertreibung einzelner Gruppen geführt hätten.

Ein Mann aus der Szene hat jetzt eine förmliche Petition beim Unesco-Generaldirektorat in Paris eingereicht. Er beklagt dort Menschenrechtsverletzungen und die Verdrängung einer Minderheit durch die Stadt Stuttgart – und will, so seine Hoffnung, die Nominierung des Fernsehturms damit zum Wackeln bringen.

Dass die Cruiser-Szene am Fernsehturm besonders schützenswert sei, werde auch durch die jüngst von der Universität Stuttgart veröffentlichte Munier-Studie belegt, behauptet der Mann. In der Arbeit mit dem Titel „Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik“ geht es unter anderem darum, dass Stuttgart in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine Hochburg der Verfolgung von queeren Menschen gewesen sei, was zu der Verdrängung aus der Innenstadt auf die Waldau geführt habe.

Die Zeichen stehen derzeit also nicht gerade auf Verständigung. „Gewalt gegen uns geht nicht, aber die Realität sieht leider anders aus. Muss es erst noch schlimmer kommen, bis die Stadt hier unterstützend tätig wird?“, fragt ein Betroffener.

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