Stuttgart

Neubau für die Oper? Die CDU will „kein Zurück auf Los“

Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) und Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) haben eine Expertenkommission berufen. Es  bliebt offen, wann diese Ergebnisse liefert.

  • Harrt der Entscheidung über eine Sanierung: Das Stuttgarter Opernhaus am Eckensee.Foto: dpa/Bernd Weißbrod

    Harrt der Entscheidung über eine Sanierung: Das Stuttgarter Opernhaus am Eckensee.Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Stuttgart - Eigentlich wollte der Stuttgarter Gemeinderat am 24. September über den Neubau des aufs Wesentliche reduzierten Opern-Interims bei den Wagenhallen im Stuttgarter Norden entscheiden. Voraussichtliche Kosten: 139 Millionen Euro. Womöglich gleitet die Debatte am 24. aber ab, in Richtung eines Opernhaus-Neubaus, von dem keiner weiß, wo er stehen soll und was er kosten wird. Oder die Debatte findet gar nicht erst statt. Wie man mit dem geplanten Vorprojektbeschluss zum Interim umgehe, „werden wir in den nächsten Tagen klären“, sagt Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU). Die Verwaltung ist Herr des Verfahrens, sie stellt die Tagesordnung auf. Die Zeichen stehen auf Absetzung und damit Stillstand.

Bei der Debatte um die Zukunft der Oper, genauer des historischen Littmann-Baus, haben Mayer, OB Frank Nopper (CDU), Ministerpräsident Cem Özdemir und Kunstministerin Petra Olschowski (beide Grüne) die Federführung am Montag vorerst an ein Expertengremium delegiert. Die noch ungenannten Koryphäen sollen das Projekt „Sanierung und Erneuerung der Württembergischen Staatstheater“ und damit die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit eines Interim einer „ergebnisoffenen Prüfung“ unterziehen.

Opern-Gesamtpaket bei zwei Milliarden

Grund der Expertenbeauftragung sind die Kosten. Sie könnten sich für das bisher geplante Gesamtpaket mit neuem Kulissenlager in Bad Cannstatt, Interim (mitsamt dauerhafter Gebäude 289 Millionen Euro), dem sanierten Operngebäude und dessen neuem Kulissenlager auf rund zwei Milliarden Euro belaufen. 2042 soll die Sanierung abgeschlossen sein. Die Zahlen sind lange bekannt. „Wir waren eigentlich der Auffassung, dass schon jetzt alle Fakten auf dem Tisch liegen“, sagte Eike Möller, Landesvorsitzender des Bundes der Steuerzahler Baden-Württemberg, der die Entwicklung begrüßt.

Die CDU verdeutlicht die Kosten

Tobias Vogt, CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag, rechnete im Interview mit unserer Zeitung am Montag milde mit 1,5 statt zwei Milliarden. Um die Summe begreifbar zu machen, nutzte er einen eingängigen Vergleich: „Damit könnte man 3.000 Einfamilienhäuser bauen.“ Jeder kann sich ein Einfamilienhaus vorstellen. Viele, vor allem außerhalb der Großstadt und vor allem CDU-Wähler, besitzen oder wünschen sich eines. Seit Vogts Vergleich ist Feuer unterm Operndach.

Das Expertengremium soll anhand der Faktenlage auch die Frage „Sanierung oder Neubau“ behandeln. Wobei es zu einem Neubau keine Fakten gibt. Für die Sanierung stehen bereits Experten parat. Stadt und Land, die laut Vertrag jeweils die Hälfte zu dem Mammutprojekt beisteuern, haben das Fachwissen in der Projektgesellschaft Württembergische Staatstheater (ProWST) zusammengezogen. Deren Architekten und Ingenieure hatten das Interim, das nach dem Nutzungsende verkauft werden soll, und die dauerhaften Gebäude am Interim zuletzt von 450 auf 289 Millionen eingedampft.

Expertengremium soll helfen

Mit der Einberufung eines Expertengremiums haben Özdemir und Nopper der ProWST ihr Misstrauen ausgesprochen – auch wenn die Expertenanhörung unter „enger Beteiligung“ der ProWST stattfinden soll.

Die Verwaltung hätte die Planung für das reduzierte Interim gern vor der Sommerpause abgestimmt. Die CDU im Gemeinderat grätschte am 27. Juli mit einem Antrag dazwischen, verband ihre Zustimmung zum Interim mit der Forderung nach Kosteneinsparungen am Haupthaus, für dessen Sanierung bis Jahresende ein Architektenwettbewerb läuft. Mit Tobias Vogt sei er sich einig, dass alles billiger werden müsse, sagt der Stuttgarter CDU-Fraktionschef Alexander Kotz. Dazu brauche man „elementare Reduzierungen“: Verzicht auf die von der Oper gewünschte Kreuzbühne, Verzicht auf ein neues Kulissengebäude an der B 14 und insgesamt weniger neue Fläche.

CDU im Rat gegen Neubau-Debatte

Die womöglich wieder aufkeimende Neubau-Debatte macht Alexander Kotz nervös. Der CDU-Fraktionschef will schnell Klarheit. Ein Neubau würde das Opernprojekt deutlich verzögern. „Man könnte damit nur auf die Stuttgart-21-Flächen, und letztlich kommt man dann auf Summen, die einem die Füße wegziehen“, sagt Kotz. Ob der alte Littmann-Bau so lang durchhalte, sei fraglich, letztlich müsse er dann ja immer noch saniert werden. „Wir wollen kein Zurück auf Los“, stellt Kotz klar.

Ex-“Aufbruch“-Leute mit Horrorzahlen

Einen Neubau hatte zuletzt die inzwischen aufgelöste Gruppe „Aufbruch Stuttgart“ vertreten. Einzelne Mitglieder suchen unverdrossen den Kontakt zur Stadtverwaltung und zum Finanzministerium. Sie präsentieren Horrorrechnungen. Unter dem Strich, schreibt das frühere Aufbruch-Mitglied Gerd Wurster unter der Überschrift „Geheimsache Opernsanierung“, werde die Oper 6,3 Milliarden Euro kosten. Ein für den 14. September vorgesehenes Gespräch mit Wurster hat die Verwaltung abgesagt.

Ein möglicher Neubau war auch Thema der Bürgeranhörung zur Oper. Der Abschlussbericht des Bürgerforums vom 16. Dezember 2020 notiert zu zwei Standorten nur acht und fünf Ja-Stimmen. 35 Bürger wünschten sich, dass Oper und Ballett im (sanierten) Littmann-Bau bleiben.

SPD im Landtag zieht sich zurück

Geheimsache Oper? Ganz so weit will die SPD im Landtag nicht gehen. Die geschrumpfte Fraktion spricht von „Intransparenz“. Die Kosten für alle Teilprojekte seien „nie im Gesamten beziffert worden“. Das Interim dürfe nicht gebaut werden, zu planen sei „aus wirtschaftlichen Gründen lediglich eine Sanierung im Bestand“, so die SPD. Man werde sich aus dem Preisgericht des Realisierungswettbewerbs zur Opernsanierung zurückziehen, grollen die Genossen. Das kann man als Landtagsopposition machen.

Wann die Expertenkommission ihre Erkenntnisse offenbart, ist unklar. Stadtspitze und Staatsministerium haben keine Zeitvorgabe verlauten lassen. Dabei, merkt Ministerpräsident Cem Özdemir richtig an, ist „Zeit bei diesem Projekt ein entscheidender Faktor“. Denn die Baupreise steigen unaufhaltsam.

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