Stuttgart - Nachdem ein ehemaliger Gutachter Zweifel an den Leistungsnachweisen von Stuttgart 21 geäußert hat, gehen die Wogen hoch. Am deutlichsten wird das Unternehmen SMA, in dessen Namen der nun als Kritiker auftretende Werner Stohler, 2011 den sogenannten Stresstest für Stuttgart 21 begleitet hat. Pikant: der Mann hatte das Unternehmen einst selbst gegründet.
Beratungsunternehmen geht auf Distanz zum Gründer
„SMA hatte 2011 den Auftrag, den von der Deutschen Bahn selbst durchgeführten ,Stuttgart 21 Stresstest' zu auditieren“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Der Schlussbericht sei seit September 2011 vollständig im Internet abrufbar. „SMA steht weiterhin zur Qualität und zur Methodik dieser Auditierung.“ Die aktuellen Äußerungen von Werner Stohler, der SMA 1987 mit zwei weiteren Partnern gegründet hatte, macht sich das Unternehmen ausdrücklich nicht zu eigen und geht auf Distanz.
„Die in den Medien durch Werner Stohler jüngst getätigten Aussagen stellen seine persönliche Meinung über den durch die DB durchgeführten Stresstest dar. Wir distanzieren uns von seinen persönlichen Aussagen sowie jeder journalistischen Interpretation und werden diese nicht weiter kommentieren“, sagt die Unternehmenssprecherin.
Stohler hatte in einem Video des Filmemachers Klaus Gietinger Zweifel an der Methodik angemeldet, mit der die Deutsche Bahn im Rahmen der Schlichtungsgespräche die Leistungsfähigkeit des Durchgangsbahnhofs nachweisen wollte. SMA sollte das Verfahren begleiten, am Ende stand ein sogenanntes Audit, das von Stohler unterzeichnet wurde. Das gut 200 Seiten starke Papier bestätigt, dass „die geforderten 49 Ankünfte im Hauptbahnhof Stuttgart in der am meisten belasteten Stunde und mit dem der Simulation unterstellten Fahrplan“ abgewickelt werden könnten. Heute hat Stohler einen anderen Blick auf die Dinge: „Ich habe eben selber nicht an diese Kapazitätsrechnungen geglaubt und habe ehrlich gestanden mich gar nicht mehr heftig darum gekümmert, weil sie für mich wissenschaftlich aber wertlos waren“, sagt er in dem Video. Die neuerlich aufflammende Diskussion über die Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 nehmen der Bund für Umwelt und Naturschutz Baden-Württemberg und der Landesverband des Verkehrsclub Deutschland zum Anlass, ihre Forderung nach einem Kombi-Bahnhof zu erneuern. Dabei würde der unterirdische Teil von Stuttgart 21 und der bestehende oberirdische Kopfbahnhof parallel betrieben.
Grüne in Bund und Land fordern Stuttgart-21-Ergänzungen
Der bahnpolitische Sprecher der Bundestags-Grünen, Matthias Gastel, fordert hingegen, dass ergänzende Baumaßnahmen zu Stuttgart 21 konsequent umgesetzt werden und hat dabei vor allem die CDU im Blick. Das Land habe „unter grüner Federführung ergänzende Infrastrukturmaßnahmen beschlossen, etwa die weitere Nutzung der Panoramabahn. Weitere Maßnahmen befinden sich in Planung“. Das sei mühsam mit der CDU. „Sie muss jetzt zumindest die weiteren Maßnahmen so schnell wie möglich finanzieren und umzusetzen helfen.“
Ähnlich äußert sich Gastels Parteifreund Michael Joukov, Mitglied im Verkehrsausschuss des Landtages. Die Erzählung „vom bestgeplanten Bahnprojekt“ sei nicht haltbar. Auch wenn die zusätzlichen Ausbauten mindestens so viel kosteten, wie Stuttgart 21 in seiner ursprünglichen Planung von 1995, müssten sie „jetzt zügig umgesetzt werden. Landeshauptstadt und Region brauchen einen leistungsfähigen und verlässlichen Eisenbahnknoten“. Stuttgart 21 könne „zentrale Leistungsversprechen erst durch zusätzliche, teils milliardenschwere Maßnahmen einlösen.“

