Stuttgart

Leitartikel: Nach offenen Fenstern suchen

Leitartikel: Nach offenen Fenstern suchen

In dieser Woche ist uns ein schöner Satz begegnet: „Wenn Gott eine Tür zumacht, macht er ein Fenster auf.“ Der Satz fiel im Gespräch mit Ari Farris, dem Pächter der Gastronomie im Mineralbad Berg.

Farris kam vor 27 Jahren aus dem Irak nach Deutschland und studierte hier Qualitätsmanagement. Er ist jemand, der zupackt, wie auch seine Frau Marina.

Diese Eigenschaft brauchen die beiden, um diesen Sommer zu überstehen. Nicht wegen der Hitze, sondern wegen der durch einen Wasserrohrbruch erzwungenen Schließung des Bades auf unabsehbare Zeit. Der Schaden trat kurz vor Saisonstart auf. Mit Unterstützung der Stadt macht das Ehepaar Farris das Beste daraus. Und dieses Beste ist so gut, dass viele Leute zu ihnen ins Bad kommen – auch ohne baden zu können.

„Wenn Gott eine Tür zumacht . . . “ Es gibt Sätze, die braucht man nicht zu notieren. Sie prägen sich von selbst ein und entwickeln aus sich heraus eine Kraft. So wie dieser Hoffnungssatz. Dabei ist es nicht entscheidend, ob konkret Gottvertrauen zugrunde liegt oder der Satz einfach ein Ausdruck von Zuversicht ist. Es geht um die Einstellung, die sich darin spiegelt.

Man muss das nicht überbewerten. Doch die Frage ist schon, welche Eindrücke einem in Erinnerung bleiben über den Tag und die Woche hinaus. Ob es die schlechten Nachrichten sind oder Momente, die sich dadurch auszeichnen, dass Menschen trotz widriger Umstände nach Möglichkeiten suchen, nach Auswegen zu suchen. Also nach geöffneten Fenstern Ausschau halten, wenn ringsrum die Türen zuschlagen.

Nicht dass sich damit negative Nachrichten bannen ließen – die zerstörte Mineralbad-Technik lässt aktuell nun mal keinen Badebetrieb zu, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Doch die Aufmerksamkeit kann wandern: weg vom Negativen hin zu Lösungsansätzen und Alternativen.

Nach geöffneten Fenstern suchen, das empfiehlt sich aktuell an vielen Stellen. Gerade angesichts der desolaten Lage der öffentlichen Finanzen. Auch hier gilt: die Einschnitte lassen sich nicht weg diskutieren. Sie treffen zahlreiche Einrichtungen und Initiativen schmerzhaft und zwingen dazu, Projekte zu verschieben oder ganz aufzugeben. Der Frust, der daraus resultiert, ist verständlich. Er bewirkt nur nichts. Ratsamer ist es, sich um andere, kleinere Lösungen zu bemühen, durch offene Fenster zu steigen statt gegen verschlossene Türen zu rennen.

Wenn positiv denken „schön tun“ bedeuten würde oder „gesund beten“, dann wäre nichts gewonnen. Positiv denken im Sinne des Ehepaars Farris heißt: kreativ sein. Mit dieser Haltung lassen sich zwar nicht alle, aber doch manche Herausforderungen bestehen. Vorausgesetzt, dass diese kreative Anstrengung auch die notwendige Unterstützung erfährt. Beim Mineralbad Berg hat die Stadt mustergültig gezeigt, wie das aussehen kann, in dem sie den Park und die Gastronomie für Besucher kostenlos öffnete.

Übrigens: Diese aufs Tun ausgerichtete Haltung ist auch schon in unserer Sprache angelegt. Sie ist voller Redewendungen die Unkompliziertheit ausdrücken und für Entbürokratisierung werben: das Leben leichter machen, keine Steine in den Weg legen, zeigen, dass es auch anders geht. Das bedeutet praktisch: eher ja als nein sagen. Es bedeutet auch: hinter etwas stehen, statt sich hinter etwas (Vorschriften) zu verstecken. Damit ließen sich viele Baustellen, die es in Stuttgart in tatsächlichem und in übertragenem Sinne gibt, leichter und schneller schließen.

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