Die ganze Republik scheint nach Reformen zu rufen. Die ganze Republik? Abgesehen davon, dass jeder unter Reformen etwas anderes versteht, halten die Gewerkschaften immer offensiver dagegen. Ihre Chancen, die aus ihrer Sicht größten Eingriffe zu entschärfen, stehen gar nicht mehr so schlecht.
Es ist zweitrangig, ob sich tatsächlich 175.000 Menschen an den Demonstrationen beteiligt haben und ob diese Zahl für einen hohen oder moderaten Zuspruch steht. IG Metall, Verdi & Co. geraten weiter in die Offensive und machen der Regierung soziale Umwälzungen immer schwerer.
Nach den jüngsten Wahlen kann die Union nicht mehr durchmarschieren, so unbeirrt sich der Kanzler auch gibt. Der Druck von unten vor allem auf die SPD-Führung wirkt. Gerechtigkeit wird zur zentralen Frage. Da haben die Gewerkschaften einen Punkt, weil viele Reformpläne eine soziale Schieflage haben. Die arbeitende Mitte hat das Gefühl, mehr leisten zu müssen, ohne mehr Sicherheit zu gewinnen – und „die ganz oben“ werden geschont. Die Fairnessfrage könnte auch die Landtagswahlen im Frühjahr 2027 beherrschen. Dann müssen CDU und SPD um ihre Bastionen zittern.
Ganz bitter ist der Trend für die entschiedensten Reformer: Nach jahrelangen Appellen sehen die Wirtschaftsvertreter, dass sich das Fenster der Gelegenheit schon wieder zu schließen droht. Den Konflikt weiter zu polarisieren, dürfte aber wenig bringen.
