Stuttgart

Jugendliche weichen ins Handwerk aus

Die Handwerksbetriebe in der Region Stuttgart bilden deutlich mehr aus als im Vorjahr. Gründe sind auch die Krise in der Autoindustrie und der Jobabbau durch künstliche Intelligenz.

  • Die Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ist am begehrtesten. Die Ausbildung zur Konditorin bleibt eine Frauendomäne.Foto: /Handwerkskammer

    Die Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ist am begehrtesten. Die Ausbildung zur Konditorin bleibt eine Frauendomäne.Foto: /Handwerkskammer

Stuttgart - Es sind für die Region Stuttgart gute Zahlen, die Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, verkündet. Während andere Branchen über einen Rückgang der Ausbildungsplätze klagen, geht es im ausbildungsstarken Handwerk bergauf. Mit 3463 neuen Ausbildungsverträgen starten die Betriebe in das neue Lehrjahr, das traditionell am 1. September beginnt – ein Plus von 5,3 Prozent im Vorjahresvergleich. Die Zahlen lagen unserer Zeitung vorab exklusiv vor.

Hinter dem beachtlichen Plus stecken auch die gewaltigen Transformationen durch KI. „Die Jugendlichen machen sich sehr viele Gedanken, welche Jobs noch zukunftssicher sind – gerade Jugendliche mit besseren Abschlüssen. Handwerksberufe haben eine deutlich sicherere Prognose als andere Berufe wie etwa die klassischen Bürojobs“, betont Friedrich.

Insbesondere wirkt sich die Krise der Automobilindustrie auf das Handwerk aus. In der Vergangenheit verließen viele Fachkräfte nach der Ausbildung das Handwerk, um bei Mercedes, Porsche & Co. einen Job zu finden, sagt Friedrich. „Dieser Zug ist zum Erliegen gekommen. Jetzt kehren die Leute eher aus der Industrie ins Handwerk zurück.“

Der Trend kennt allerdings eine Kehrseite: Weniger Auszubildende wählten industrienahe Berufe wie Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker, Fahrzeuglackierer, Automobilkaufmann und Feinwerkmechaniker. Bei der beliebtesten Ausbildung überhaupt – der Kfz-Mechatroniker-Lehre – ging in der Region Stuttgart die Zahl der Neuverträge um ein Fünftel auf gut 400 zurück. Erstmals ist die Lehre zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit rund 450 Stellen die neue Nummer 1.

Auch Elektroniker mit der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik und die Ausbildungen zum Zimmermann und Maler/Lackierer verzeichneten einen großen Zuwachs. Im Trend liegen auch die Lehren im Lebensmittelhandwerk und in der Baubranche.

Vor allem in den technischen Ausbildungsberufen sieht Friedrich auch Chancen durch KI. Diese gefährde die Berufe nicht, erweitere aber im Arbeitsalltag den Spielraum. „Die Berufe werden dadurch aufgewertet. Handwerker konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenzen, während administrative Aufgaben digitalisiert werden.“

Doch es bleiben beachtliche Herausforderungen, um überhaupt Jugendliche für Ausbildungsplätze zu gewinnen und sie zu halten. So wirbt die Handwerkskammer in den sozialen Netzwerken für Ausbildungsplätze. Gleichzeitig führt die Blasenbildung dazu, dass junge Menschen oft nur wenige Optionen wahrnehmen. Von 130 Handwerksberufen sind den meisten nur wenige bekannt wie etwa Bäcker, Friseur oder Heizungsbauer. Die Kammer setzt auch deshalb vermehrt auf neue Formate wie Escape-Games oder nutzt Virtual-Reality-Brillen, um erste Einblicke zu vermitteln.

Die jahrzehntelangen Initiativen, mehr Frauen fürs Handwerk zu gewinnen und die Barrieren zwischen vermeintlichen Männer- und Frauenberufen niederzureißen, haben ebenfalls nur wenig bewirkt. Frauen bevorzugen auch in Stuttgart und der Region noch immer Ausbildungen zur Friseurin oder Konditorin, technische Lehren bleiben in Männerhand. Noch immer liegt der Frauenanteil im Handwerk lediglich bei etwa 20 Prozent.

Zudem zwingt der Fachkräftemangel Betriebe in weniger populären Bereichen, ihre Standards zu senken. Der Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss ist im Vorjahresvergleich deutlich gestiegen: Einerseits gibt es in Deutschland mehr Schulabbrecher, andererseits haben etliche junge Geflüchtete keinen oder keinen anerkannten Schulabschluss. Für sie ist die Ausbildung auch eine Chance: Der Anteil von ukrainischen Azubis ist mit dem neuen Ausbildungsjahr deutlich gestiegen.

Insgesamt ist die Zahl der Ausbildungsverhältnisse über alle Berufe hinweg in Stuttgart im Vorjahresvergleich mit 8,5 Prozent am stärksten gewachsen. Hier wurden Ende August exakt 648 neue Ausbildungsverhältnisse gemeldet. Deutlich ist das Wachstum in den Landkreisen Göppingen (plus 7,8 Prozent), Böblingen (plus 7,1 Prozent), Esslingen (plus 6,7 Prozent) und Ludwigsburg (plus 5,5 Prozent). Dagegen ging im Landkreis Rems-Murr die Zahl der Azubis um 2,9 Prozent zurück.

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