Stuttgart

Joachim Gauck als Gratulant und Jubiläumsgast

Seit 25 Jahren erkundet der Wirtschaftsclub das Spannungsfeld zwischen Kunst, Literatur, Wirtschaft und Politik. Mit Gästen unterschiedlicher Couleur.

  • Alt-Bundespräsident Joachim Gauck kommt ins LiteraturhausFoto: dpa/Britta Pedersen

    Alt-Bundespräsident Joachim Gauck kommt ins LiteraturhausFoto: dpa/Britta Pedersen

Stuttgart - Miteinander reden. Einander zuhören. Eigentlich ist es einfach. Und doch so schwierig. Weil ganz viele Gespräche nicht mehr mit dem Florett, mit Argumenten, geführt werden, sondern mit dem Säbel, voller Emotionen. Ich fühle das doch, also habe ich recht. Wer lauter schreit, wird gehört. Die Wirkmechanismen sozialer Medien bestimmen längst die Debattenkultur.

Dieses Jahr geht es um das „Monopoly der Macht“

Wie altmodisch, und wie wohltuend, kommt dagegen der Salon daher, den der Wirtschaftsclub des Literaturhauses geschaffen hat. Seit 25 Jahren wird dort geredet, gestritten, über ganz verschiedene Dinge, mal in kleinem Kreise, mal in aller Öffentlichkeit, waren Alt-MP Erwin Teufel, Schriftsteller Rüdiger Safranski, Tübingens OB Boris Palmer, Opernintendant Klaus Zehelein, Architekt Werner Sobek, Gestalter Kurt Weidemann, VfB-Präsident Erwin Staudt, Marion Ackermann vom Kunstmuseum, deren Nachfolgerin Ulrike Groos, Ludger Hünnekens, Leiter der Kunstakademie, im Literaturhaus. Die Aufzählung ist lange nicht komplett. Sie zeigt aber, da trifft sich die Stadtgesellschaft und diskutiert getreu dem Motto: „Wir alle brauchen Kunst und Literatur, um die Welt zu verstehen.“

Doch was genau bedeutet das? Da hat man sich etwa ein Jahr lang zu „Management by Shakespeare“ ausgetauscht, oder „Wie kommt das Neue in die Welt“. Thema für dieses Jahr ist „Monopoly der Macht – Spiel ohne Regeln?“ Versehen ist es mit einem Fragezeichen. Aber sowohl die Menschen in der Ukraine als auch die Arbeiter bei VW und beim Daimler würden da eher ein Ausrufezeichen setzen.

Die Traumatherapeutin Karin Ibele-Uehling setzt sich am 12. November beim Business Lunch auseinander mit dem Thema „Macht als Bedrohung – Wie gehen wir mit der Angst um?“ Das ist nur für die knapp 100 Mitglieder samt Gästen gedacht. Ebenso wie der Lunch mit Christian Hermes, katholischer Stadtdekan, bei dem das Thema lautet: „Was nützt denn alles Beten und Predigen vom Frieden.“ Und der Besuch, der Psychotherapeutin Christiane Lutz, die darüber redet, wie „Märchen Kinder stark machen“. Man merkt schon, dass sind mehr Facetten als nur Trump, Russland, China, Krise. Worüber alle reden, mit mehr oder weniger Sachkenntnis und Schaum vor dem Mund. Nicht, dass die allgegenwärtigen Krisen nicht Thema wären. „Doch wir wollen das weiter fassen“, sagt der Erste Vorsitzende des Wirtschaftsclubs Achim Dannecker. Er und seine Mitstreiter führen so das Werk der Gründer Jörg Menno Harms und Péter Horváth fort. Nach Horváth ist auch der Literaturpreis benannt, den der Wirtschaftsclub alljährlich vergibt.

Indes will man ja nicht nur nach innen, sondern auch nach außen wirken. So sind die Abendveranstaltungen für alle offen, etwa, wenn am 19. Oktober der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof vorbeischaut. Oder am 22. Januar Franziska Brantner, Bundesvorsitzende der Grünen. Und natürlich am Mittwoch, 23. September, der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck (86). Um ihn hat sich Achim Dannecker, besonders bemüht. Er hat ihn bei der Verleihung des Hanns-Martin-Schleyer-Preises erlebt und war sehr beeindruckt. Besonders ein Satz hallte bei ihm und Vorstandskollege Hans-Werner Cieslik lange nach: „Unsere Freiheit und unser Wohlstand sind langfristig nur sicher, wenn Macht sich an Recht bindet, wenn diejenigen, die angegriffen werden, darauf vertrauen können, dass wir solidarisch sein werden und nicht beim ersten Wohlstandsverlust unsere eigenen Prinzipien relativieren.“

Darüber wird sich sicher mit dem Präsidenten der Schillergesellschaft Kai Uwe Peter und Moderatorin Constanze Eich unterhalten. Und ganz sicher wird auch die Wahl in Sachsen-Anhalt und der Erfolg der AfD ein Thema sein. Zeit seines Lebens hat sich Gauck mit Freiheit und Demokratie beschäftigt. Als Pastor in der DDR schienen sie unerreichbar, er gestaltetet die friedliche Revolution mit, arbeitete die Diktatur als Beauftragter für die Stasi-Unterlagen auf, wurde 2012 zum Bundespräsidenten gewählt. In beiden deutschen Diktaturen hat er gelebt, und so hat es Gewicht, wenn er sagt: „Der Staat, die Demokratie sind wir. Der Staat und die Demokratie können nur so funktionsfähig, effektiv, tolerant, lebens- und liebenswert sein, wie wir sie machen.“

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