Lange her, dass der Barde Marius Müller-Westernhagen singen konnte: „Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin, denn dick sein ist ’ne Quälerei. Ich bin froh, dass ich so’n dürrer Hering bin, denn dünn bedeutet, frei zu sein.“ Schon damals war der Song nicht unumstritten. Heute gilt: Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig, knapp 18 Prozent adipös, so das Ergebnis des Mikrozensus aus dem Jahr 2025. Bei Männern liegen die Zahlen für Übergewicht bei zwei Dritteln, jeder Fünfte gilt als adipös. Deutschland, ein Land der Dicken?
Inzwischen gibt es, jenseits der altbekannten, wenn auch unbequemen Maßnahmen wie gesündere Ernährung oder mehr Sport auch medizinische Hilfsmittel auf dem Weg zum gewünschten Körpergewicht. Wegovy, Ozempic und andere Abnehmspritzen stehen mit der bevorstehenden Einführung vor dem Siegeszug als Volksmedikament und Lifestyle-Produkt. Warum noch Übergewicht, wenn eine tägliche Pille das gewünschte Körpermaß bringt? Weiter gefragt: Ist Dicksein noch akzeptabel, wenn es künftig leicht zugängliche Mittel zum Abnehmen gibt?
Das ist auch eine Frage des sozialen Drucks. Die Zeiten, als im Zuge der Body-Positivity unterschiedlichste Körperformen auf den Laufstegen der Modeindustrie und in den Clips und Plakaten der Werbung zu bewundern waren, scheinen vorbei. Gerade angesichts einer dicker werdenden Gesellschaft ist Schlank das neue Schön. Die Akzeptanz für abweichende Erscheinungen wird zunehmend geringer. Auch Netflix & Co. präsentieren zwar zunehmend mehr Diversität, jedoch wenig Body-Positivity in den Rollenbildern.
Auf die strukturelle soziale Ungleichheit, die sich auch im Körpergewicht ausdrückt, ist wissenschaftlich mehrfach hingewiesen worden. Nach einer Studie der Universität Bielefeld von 2023 auf Basis von DAK-Versicherungsdaten besteht eine deutliche Korrelation zwischen Einkommen und Körpergewicht: Menschen in sozial benachteiligten Lebenslagen – insbesondere Kinder und Jugendliche – sind von Übergewicht und Adipositas wesentlich häufiger betroffen als wohlhabendere Bevölkerungsgruppen. Was nicht nur mit höheren Kosten für gesundes Essen oder teuren Sport- und Freizeitangeboten, sondern auch mit steigenden Erfolgschancen durch Distinktionsmerkmale wie einem gesellschaftskonformen Äußeren zu tun hat. Auch die von der Bundesregierung nun geplante Zuckersteuer wird daran ursächlich nichts ändern.
Es geht nicht nur um die Frage der Ästhetik und der Distinktion. Angesichts der steigenden Kosten des deutschen Gesundheitssystems wird debattiert, ob Menschen mit einem ungesünderen Lebenswandel nicht stärker an den Kosten für Krankenversicherungen beteiligt werden sollen. Die Potsdamer Juraprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf hat dazu gerade den Sammelband „Selber schuld. Über das Verursacherprinzip in der Medizin“ herausgebracht. In Zeiten extrem steigender Kosten kommt das Solidaritätsprinzip, auf dem unsere Sozialsysteme beruhen, an seine Grenzen. Die gesellschaftliche Toleranz offenbar auch.
Gesundheit ist das eine, Freiheit das andere. Ein regulierender Staat oder eine regulierende Gesellschaft, die nicht nur Suchtformen wie Tabak, Alkohol oder Drogen zunehmend einschränkt und verbietet, sondern auch Erscheinungsbilder sanktioniert, gleicht erschreckend einer Orwell’schen Vorsorgediktatur. Sicher, Aufklärung, Förderung von gesunder Ernährung und Sport sowie medizinische Unterstützung sind nötig, für jeden und jede, der oder die das in Anspruch nehmen will. Für mein Aussehen bestraft werden möchte ich indes nicht.
