Stuttgart - Das Marienhospital in Stuttgart und sein Träger, die Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH, gehen den nächsten Schritt in dem Mitte Juni beim Amtsgericht Stuttgart beantragten Insolvenzverfahren. Gläubiger sollen bis spätestens 26. Oktober ihre Forderungen beim Insolvenzgericht geltend machen. Die Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH hatte am 17. Juni den Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Zum Sachwalter wurde der Rechtsanwalt Jochen Sedlitz von der auf Insolvenzverwaltung, Sanierung und Restrukturierung spezialisierten Kanzlei Grub-Brugger (Stuttgart) bestellt. Von der Schieflage betroffen sind das Marienhospital mit seinen 761 Betten und rund 2400 Mitarbeitenden und die deutlich kleineren Einrichtungen Vinzenz Klinik, Vinzenz Therme in Bad Ditzenbach und Luise von Marillac Klinik in Bad Überkingen.
Rund 18 Millionen Euro Verlust
Im jüngsten publizierten Jahresabschluss (2024) hatten das Marienhospital und die Vinzenz Therme Fehlbeträge von zusammengenommen drei Millionen Euro ausgewiesen. 2023 hatte das Minus noch bei 18,7 Millionen Euro gelegen, davon hatte allein das Marienhospital rund 18 Millionen beigesteuert. Neuere Zahlen sind nicht bekannt.
Mitarbeiter und Patienten hatten sich geschockt über den Insolvenzantrag gezeigt. Völlig aus heiterem Himmel kam er nicht. Das Hospital hatte zuvor zwei Geschäftsführerinnen explizit als Saniererinnen geholt. Sie wurden trotz der 2024 verbesserten Zahlen im April 2026 ersetzt. Als neuer Sanierer wurde der Arzt und Ökonom Jan Schlenker geholt. Dazu kam nun Claus-Peter Kruth, Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht aus Düsseldorf.
Bereits Ende 2023 hatten Marienhospital, Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) und das Diakonie-Klinikum vor einer existenziellen Bedrohung gewarnt. Man sehe sich durch langjährige Unterfinanzierung der Kostenträger und die Klinikreform „existenziell bedroht“. Die Erlöse reichten nicht mehr aus, um weiter steigende Kosten zu decken, hieß es. Der Hilfeschrei war verbunden mit scharfer Kritik an der Landeshauptstadt, die ihr eigenes Klinikum mit riesigen, in Summe teils dreistelligen Millionenzuschüssen stützt. Der Vorwurf lautete, dass diese einseitigen kommunalen Zuschüsse gegen das europäische Beihilferecht verstoßen würden. Ein derart einseitiger Ausgleich dürfe nicht weiter stattfinden. Die drei freigemeinnützigen Krankenhäuser forderten Gleichbehandlung – also Geld aus der Stadtkasse. Doch die Stadt gab kein Geld.
Die Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH habe erkannt, dass mit den Ende November 2026 anstehenden tariflichen Sonderzahlungen für die Beschäftigten, „die Zahlungsunfähigkeit für die Gesellschaft eintreten könnte“, sagt Sachwalter Jochen Sedlitz. Mit dem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung habe das Unternehmen inzwischen „ganz erheblich Luft bekommen“. Sedlitz meint damit die Personalkosten. Der Geschäftsbetrieb konnte weiter laufen, die Beschäftigten erhalten dabei drei Monate lang Insolvenzgeld von der Bundesagentur für Arbeit, seit September stellt das Unternehmen selbst die Gehälter wieder sicher.
Etat wird entlastet
Die Personalkosten sind der größte Ausgabenposten, er erreichte 2024 in der gGmbH bei Umsatzerlösen von 271 Millionen Euro rund 150 Millionen, dazu kamen 37 Millionen Euro Sozialabgaben, davon 14,3 Millionen für die Altersversorgung. Drei Monate Insolvenzgeld könnten den Etat daher um mehr als 30 Millionen Euro entlasten.
Bis zum 15. Oktober können Insolvenzgläubiger im weiteren Verfahren nun ihre Forderungen anmelden. Die jüngsten veröffentlichten Zahlen der Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH wiesen 9,7 Millionen Euro Bankschulden und 34,8 Millionen Euro Verbindlichkeiten gegenüber Gesellschaftern aus. Die Bilanz nannte rund zehn Millionen Euro Grundschulden und 1,5 Millionen Euro Forderungsabtretungen.
Dem Gläubigerausschuss gehören Vertreter der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), des Kreditversicherers Euler Hermes, der Arbeitsagentur, als Großgläubiger des katholischen Krankenhauses die Diözese Rottenburg-Stuttgart und Mitarbeitervertreter an. Falls die beiden abgelösten Geschäftsführerinnen wegen einer vorzeitigen Kündigung auf Gehalt warten sollten, könnten sie als Gläubiger übrigens auch eine Forderung stellen. Das Amtsgericht hat für den 19. November einen Termin für Beschlüsse der Gläubigerversammlung anberaumt.
Wie viele Gläubiger sich letztlich melden werden und um welche Summen es geht, dazu kann und will Sedlitz nichts sagen. „Es sind Vermögenswerte da, das Marienhospital läuft und ist als Versorger anerkannt“, zeigt sich Sedlitz zuversichtlich. Der Betrieb sei gut aufgestellt. Gespräche mit möglichen Investoren würden geführt, auch eine komplette Abgabe des Marienhospitals sei im Grundsatz möglich. Man wolle die wirtschaftliche Grundlage des Unternehmens langfristig sichern, sagt Jan Schlenker. Man stelle „ein starkes Interesse anderer etablierter Krankenhausträger fest“ und habe „gute Voraussetzungen für die Zukunft geschaffen“, so Claus-Peter Kruth.
Ende des Hospitals diskutiert
Die Stilllegung oder Fortführung des Unternehmens wird ein Thema für den Gläubigerausschuss. Den schlimmsten Fall – das Ende des Marienhospitals – hat der Verband der Krankenhäuser in Stuttgart e.V. vor Wochen nichtöffentlich diskutiert. Ergebnis: Großes Bedauern der anderen Krankenhäuser, die sich aber in der Lage sähen, den Verlust von 761 Betten und damit die stationäre Versorgung von rund 32.000 Patienten in der Landeshauptstadt sicherzustellen.
Ganz anders sieht es mit den im Schnitt rund 95.000 ambulanten Behandlungen und den 55.000 Menschen, die jährlich die Notfallpraxis des Marienhospitals aufsuchen, aus. Die Verbandsmitglieder, heißt es hinter vorgehaltener Hand, sehen erhebliche Probleme, die ambulante Versorgung bei einem Ende des Hospitals ad hoc zu gewährleisten.

