Stuttgart

In vier von zehn Kommunen könnte Wasser knapp werden

Ein neuer Masterplan zeigt: Die Landeshauptstadt wird auch 2050 über ausreichend Trinkwasser verfügen. Dagegen müssen viele Kommunen in der Region Stuttgart neue Vorräte erschließen.

Stuttgart - Endlich einmal eine gute Nachricht: Das Trinkwasser für die Stuttgarter ist sicher. Wir werden gleich sehen, dass dies in Zeiten des Klimawandels alles andere als selbstverständlich ist. In den vergangenen sieben Jahren hat das Land in seinem „Masterplan Wasserversorgung“ für alle 1100 Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg ermittelt, wo es derzeit schon Defizite bei den Bezugsrechten und in der Infrastruktur gibt und wie sich diese bis 2050 verschärfen könnten. Mit der letzten Charge sind nun auch die Landeshauptstadt und etwa der Landkreis Ludwigsburg geprüft worden.

Stuttgart profitiert davon, dass es gleich an zwei Fernwasserversorgungen angeschlossen ist. Grob gesprochen, wird das nordöstliche Stadtgebiet von der Landeswasserversorgung mit Wasser aus dem Donauried und der Schwäbischen Alb beliefert, das restliche Stadtgebiet erhält sein Trinkwasser aus dem Bodensee. Lokale Quellen werden kaum genutzt. Sowohl aktuell als auch 2050 würden genügend Reserven zur Verfügung stehen, resümiert der Masterplan für Stuttgart – sogar, wenn der Bedarf während einer Hitzewelle hochschnellen würde.

Stuttgart hat hohe Wasserbezugsrechte – das reicht locker

Tatsächlich hat sich Stuttgart schon vor langem Wasserbezugsrechte bei der Landeswasser- und bei der Bodenseewasserversorgung für 3300 Liter pro Sekunde gesichert, das sind umgerechnet mehr als 100 Milliarden Liter im Jahr. In der Praxis verbrauchen die Stuttgarterinnen und Stuttgarter derzeit „nur“ zwischen 35 und 41 Milliarden Liter pro Jahr. Der Bodensee wird so viel Wasser auch künftig hergeben, trotz des sinkenden Zuflusses aus den Alpen und niedrigen Pegeln – derzeit entspricht die Wasserentnahme gerade einem Prozent des jährlichen Zuflusses. Die Landeswasserversorgung sieht dagegen noch Bedarf, sich zu wappnen, und steht deshalb kurz bevor, sich weitere Bezugsrechte bei Heidenheim und bei Blaubeuren zu sichern, damit die Belieferung auch an heißen Tagen gesichert bleibt.

Dennoch wurden im Masterplan Empfehlungen für Stuttgart ausgesprochen: Es gehe darum, die Anlagen systematisch und sukzessive zu sanieren sowie die Leitungen zu erneuern, und es müsste auch ein Notstromkonzept erarbeitet werden. Der Stuttgarter Wasserversorger, die Netze BW, sieht allerdings keinen Handlungsbedarf, wie Sprecherin Katharina Ryske mitteilt. Der Masterplan bestätige vielmehr die Resilienzstrategie der Netze BW. Beim Alter der Rohre befinde man sich in Stuttgart mit im Schnitt 49,9 Jahren zwar rund zehn Jahre über dem Bundesschnitt, aber für eine Großstadt liege man in einem unauffälligen Bereich. Zum Notstromkonzept könne man aufgrund des „Schutzbedarfs dieser Informationen“ keine näheren Angaben machen.

Landesweit sieht es jedenfalls bei Weitem nicht so rosig aus wie in Stuttgart. Schon heute haben laut Steffen Becker, dem Sprecher des Umweltministeriums, 22 Prozent der Kommunen beim Spitzenbedarf ein großes Defizit. Noch sei dieses allerdings eher rechnerisch und lasse sich in der Realität meist ausgleichen. In der jüngsten Hitzewelle im Juni haben aber viele Kommunen die Bürger schon zum Wassersparen aufgefordert. Die Stadt Aichtal (Kreis Esslingen) hatte zum Beispiel Alarmstufe Rot ausgerufen, weil der übliche Verbrauch teils um das Fünffache zugenommen hatte. Die Trinkwasserversorgung sei noch gesichert, hieß es im Aufruf an die Bevölkerung, aber nur, wenn alle ihren Verbrauch auf das notwendige Maß beschränkten, könne dies auch weiter gewährleistet bleiben.

In der Prognose für 2050 weisen dagegen sogar 54 Prozent der Kommunen ein solches großes Defizit auf. Sie alle müssen sich also Gedanken machen, was sie gegen die drohende Wasserknappheit tun wollen. Auch hier die gute Nachricht: Es bleibt noch genügend Zeit dazu. Welche Gemeinden und Städte dies sind, veröffentlicht das Land übrigens nicht – man will offenbar niemanden bloßstellen. Auf Anfrage sagt aber Andrea Wangner, die Sprecherin des Landratsamtes Esslingen, dass bei ihnen im Kreis Flächen mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung betroffen seien: „Dies ist insbesondere auf den Fildern der Fall.“ Im Kreis Ludwigsburg seien vorwiegend die Kommunen im nördlichen und östlichen Kreisgebiet von Wassermangel bedroht, teilt Andreas Fritz, der Sprecher des dortigen Landratsamtes, mit.

Grundsätzlich dürften auch Gemeinden eher Probleme bekommen, die noch stark auf eigene Quellen setzen. Laut einer Prognose der Landesanstalt für Umwelt wird die Grundwassermenge bis 2065 je nach Landstrich um 15 bis 25 Prozent zurückgehen. Stuttgart und die Region liegen im stark betroffenen Gebiet mit minus 25 Prozent.

Von zentraler Bedeutung wird künftig sein, dass jede Gemeinde einen Rettungsanker auswirft, sprich, eine Ersatzversorgung aufbaut für den Fall, dass die eigenen Vorräte nicht mehr ausreichen. Dieses zweite Standbein hätten derzeit fast 40 Prozent der Kommunen im Südwesten nicht, so Steffen Becker. Dieser Notfall kann schneller kommen als gedacht, es muss nicht erst der Klimawandel zuschlagen. Auch ein Unfall, eine technische Störung oder ein Cyberangriff kann die Wasserversorgung lahmlegen.

Bodenseewasserversorgung nimmt niemanden vorerst mehr auf

Daneben gibt es auch die Möglichkeit, neue eigene Quellen zu erschließen oder die Anlagen zu optimieren. Im Landkreis Ludwigsburg würden derzeit mehrere Kommunen ihre Eigenwassernutzung intensivieren, so Andreas Fritz. Grundsätzlich könnte man auch seine Bezugsrechte erhöhen. Doch die Bodenseewasserversorgung hat schon lange einen Aufnahmestopp. Die Landeswasserversorgung könnte „noch einige Sekundenliter Wasser vergeben“, wie Sprecher Michael Simon mitteilt; der Stichtag für 2027 ist aber schon verstrichen.

In den Landkreisen der Region Stuttgart sieht es ähnlich aus wie im landesweiten Schnitt. Ganz neu ist die Analyse für den Landkreis Ludwigsburg: Dort wird für 2050 ein großes Defizit beim Spitzenbedarf für 59 Prozent der Kommunen vorhergesagt. Im Landkreis Esslingen sind es 56 Prozent. Dort werde derzeit in einigen Kommunen geprüft, ob man eigene Wasservorkommen wieder nutzen könnte, die zugunsten der Fernwasserversorgung aufgegeben worden seien, so Andrea Wangner. Für den Landkreis Böblingen lautet das Fazit des Masterplans, dass sogar die allermeisten Gemeinden ohne Gegensteuern den Bedarf an Spitzentagen nicht mehr decken könnten. Im Rems-Murr-Kreis trifft dies ebenfalls auf mehr als die Hälfte der Gemeinden zu.

Klar ist: Alle Maßnahmen zur Sicherung der Wasserversorgung kosten Geld, der Preis fürs Trinkwasser wird deshalb steigen. Am Ende steht also doch wieder eine eher schlechte Nachricht. Aber immerhin: Das Land hat seine Fördermittel in diesem Bereich auf 88 Millionen Euro mehr als verdoppelt, um „unzumutbar hohe Gebühren- und Beitragsbelastungen für die Bürger zu vermeiden“, so Steffen Becker.

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