Stuttgart

In diesem Stuttgarter Gebäude wurden Kinder zu Nazis erzogen

Die Thinghalle in Stuttgart-Vaihingen besticht durch ihre Größe, doch ihre Geschichte ist gespenstisch. Ein Besuch auf der Rohrer Höhe.

  • Albert-Schweitzer-Schule in Stuttgart-Rohr mit architektonisch und politisch bewegter Geschichte – der Umgang mit dem problematischen Erbe ist herausfordernd.Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

    Albert-Schweitzer-Schule in Stuttgart-Rohr mit architektonisch und politisch bewegter Geschichte – der Umgang mit dem problematischen Erbe ist herausfordernd.Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Stuttgart - Erst ein überraschtes Schweigen und dann so: „Wooow!“ Das ist für gewöhnlich die Reaktion der Menschen, wenn sie die Thinghalle zum ersten Mal betreten. Elisabeth Marquart hat das oft erlebt, wenn sie mit Schülerinnen und Schülern bei einer Geschichtstour durch Stuttgart-Vaihingen in der Thinghalle auf der Rohrer Höhe Station macht.

Es ist ein sehr langer, schmaler Saal mit enormer Deckenhöhe von 20 Metern. Grüngrauer Linoleumboden, weiß gestrichene Ziegel, ein großes Fenster am Ende des Raumes, durch welches Licht gleißt. Und wagenradgroße Leuchten – sie sollten altgermanische Sonnenräder darstellen.

Stuttgarter Architekten im Einsatz fürs NS-Regime

Imposant, das alles. Gespenstisch auch. Denn ganz klein ist der Mensch im Raum. So ist es auch gewollt gewesen, in der Thinghalle wurden Kinder in NS-Ideologie gedrillt. Von der Balustrade – die betrat man ohne gesehen zu werden über einen seitlichen Gang – konnten Befehle heruntergebellt werden. Für derlei Inszenierung im Dienste des NS-Regimes haben die Stuttgarter Architekten Erwin Rohrberg und Eberhard Holstein die gestalterischen Mittel gefunden. „Und die Finanzen für den Bau kamen von der örtlichen Brauerei, der Brauerei Robert Leicht/Schwaben Bräu“, sagt Elisabeth Marquart.

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg habe der Architekt beantragt, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Trotz NS-Makels standen die Architekten offenbar hinter ihrem Entwurf, und sie arbeiteten weiter nach dem Krieg. Von 1954 bis 1956 entstand die Stuttgarter Rosenbergkirche nach einem Entwurf von Rohrberg. Holstein hat Theater und sakrale Gebäude entworfen, darunter die Bonhoefferkirche im Fasanenhof und ein Theater in Stuttgart-Giebel (zusammen mit Carl Herbert Frohwein). Bauwerke, die insofern passen als, kurz gesagt, Thinghallen auf die Thing-Bewegung im 19. Jahrhundert zurückgehen und deren Begeisterung für monumentales gemeinschaftliches Open-Air-Theater.

Elisabeth Marquart, die bis heute Führungen zur Ortsgeschichte anbietet, sitzt an einem sonnigen Sommertag in der Thinghalle an einem Tischchen neben Maria-Theresia Burkert, Stellvertretende Schulleiterin der Albert-Schweitzer-Schule, und Ulrike Lösch von der Stiftung Jugendhilfe Aktiv, Region Böblingen. Aus dem HJ-Heim wurde eine Schule und diese ist der Stiftung angegliedert.

Elisabeth Marquart kennt den Stadtteil und seine Geschichte gut. „Ich war eine Nei-gschmeckte und wollte wissen, wo ich lebe“, erklärt die Sozialpädagogin ihr anfängliches Interesse an der Historie. Wenn die Kinder im Kindergarten waren, habe sie im Archiv des Rathauses alte Tageszeitungen und andere Unterlagen gelesen. Und mit Zeitzeugen gesprochen. „Viele sagten, es sei für sie eine schöne Zeit gewesen in der Hitlerjugend, mit Abenteuern und viel gemeinschaftlichen Unternehmungen.“ Einige Gesprächspartner distanzierten sich von der Ideologie, einige nicht.

Fürs Radio hat sie Sendungen über diese dunkle Zeit gemacht, sie und ihr Mann Karl-Horst Marquart engagieren sich im Stolperstein-Verein und haben dafür gekämpft, dass das Hotel Silber neben dem Dorotheenquartier in der Stuttgarter Innenstadt ein Museum wurde. Dafür gab es 2018 ein Bundesverdienstkreuz am Bande. Elisabeth Marquart erzählt dies nicht selbst, lächelt aber dazu und sagt: „Ich habe nur gefragt, bekomme ich auch eines? Und ja, jeder von uns das Verdienstkreuz erhalten.“ Maria-Theresia Burkert und Ulrike Lösch sagen, sie finden es wichtig, dass die Vergangenheit des Hauses aufgearbeitet wurde und wird; man beteiligt sich am Tag des offenen Denkmals, ist auch in Gesprächen mit einer Architekten-Enkelin. Auch mit älteren Schülerinnen und Schülern wird über das Thema gesprochen, wen die NS-Verantwortlichen förderten – und wen sie deportierten. „Eine Schülerin“, so Maria-Theresia Burkert, „sagte danach, wenn wir damals dort gewesen wären, hätte man uns auch deportiert. Das hat mich sehr beschäftigt.“

Im HJ-Heim herrschte ein autoritärer Stil. „Man kann am Monumentalen der Architektur erkennen, dass der einzelne wenig zu bedeuten haben sollte“, sagt Ulrike Lösch. Ja, auf der Rohrer Höhe, erklärt Elisabeth Marquart, als höchster Punkt Stuttgarts, sollte die Jugend für die Zukunft im Nazideutschland erzogen werden. Auf dem heutigen Festplatz fanden Panzerparaden statt und wer seinen Hitlergruß nicht zackig genug ausführte, bekam eine Ohrfeige, sagt Elisabeth Marquart. NSDAP-Ortsgruppenleiter damals war Hans Junginger.

Man war vor Ort besonders eifrig, hat Elisabeth Marquart recherchiert. Bereits 1942 konnte der Ortsgruppenleiter nach Berlin melden, dass alle Kinder „gleichgeschaltet“ waren. Lange allerdings funktionierte die Halle nicht als Schulungsort der „Pimpfe“. Der geografischen Lage wegen – eine Einflugschneise der Bomber – hatte sich die Halle erst als NS-Versorgungsstation und als Flugabwehrstelle beweisen müssen.

Monumentale Architektur – doch auch geeignet für Schulkinder

Dann plötzlich: Ruhe. Keine Marschbefehle mehr, kein Bombengedröhn. Nach dem Krieg zogen Besatzungstruppen ein, nach der Paulinenpflege mit einem heilpädagogischen Zentrum dann die Albert-Schweitzer-Schule. Es ist still beim Besuch in der Halle, da noch Schulferien sind. Zeit, um sich umzuschauen im ehemaligen HJ-Heim und wie es als Schule für Kinder mit besonderen Anforderungen geführt wird.

In den kleinen, nebeneinanderliegenden Räumen, die als Klassenzimmer dienten, wird natürlich längst nicht mehr strammgestanden. In manchen Räumen hatten die Architekten einst mächtige runde Holzsäulen vorgesehen. Als tollen Ort für die Kinder, um drumherum im Kreis zu sausen, waren die natürlich nicht vorgesehen, funktioniert aber prächtig.

Das Gebäude wurde denkmalgerecht saniert, die Säulen sind geschützt und bleiben stehen. Nur noch im Geschoss unterm Dach sieht man verstaubte Kämmerchen mit winzigen Fenstern und Verschläge, welche die düstere Vergangenheit ahnen lassen. Schnell wieder ins Helle – draußen in den mächtigen Bäumen im Garten finden sich Möglichkeiten zum Klettern für die Schülerinnen und Schüler und eine Aussicht bis zum Asemwald.

Inzwischen hat die Schule einen architektonisch interessanten Neubau für die Unterrichtszeiten erhalten, der direkt neben der Thinghalle beheimatet ist. In dem Bau von 1939 sind seit zwei Jahren Verwaltungsräume für die Lehrenden untergebracht, aber Kinder und Jugendliche kommen weiterhin in den Saal, denn die Lehrküche ist dort geblieben. Es hängen selbst gemachte Bilder auf der Balustrade, denn auch für Weihnachtsfeiern und Theateraufführungen eignet sich die Thinghalle. Dass die Halle nicht nur als Einschüchterungsraum und als Gedenkort funktioniert, sondern auch als fröhlicher Festraum zukunftsfähig funktioniert, ist ein Wert des Architekturdenkmals.

Datenschutz-Einstellungen