Stuttgart

Im Brautkleid gegen Femizide und Gewalt

In einem Protest- und Trauerzug haben Frauen in der Innenstadt gegen Femizide und Gewalt an Frauen protestiert.

  • Die Frauen zogen in Brautkleidern durch die Innenstadt, um gegen Femizide und Gewalt an Frauen zu demonstrieren.Foto: Scheffel

    Die Frauen zogen in Brautkleidern durch die Innenstadt, um gegen Femizide und Gewalt an Frauen zu demonstrieren.Foto: Scheffel

Stuttgart - Über 30 Frauen in Brautkleidern, die schweigend in Paaren gehen und verwelkte Blütenblätter aus Brautsträußen verstreuen: Es war ein irritierendes Bild, das sich Passantinnen und Passanten am Samstagvormittag in der Stuttgarter Innenstadt bot. Vom Kunstverein, über das Alte Schloss und die Königsstraße zog sich die rund 30-minütige Prozession. „Braut.Protest.Performance“ lautet der Titel der Aktion. Bereits im März war ein solcher Zug durch Schwäbisch Gmünd gezogen, in Stuttgart fand die Aktion an diesem Wochenende erstmals statt. Dahinter stehen die Künstlerin und Initiatorin der Aktion Alkie Osterland, die Designerin Lila Kurz-Ottenwälder, die Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte der Stadt Schwäbisch Gmünd, Elke Heer und Karin Fuhr vom Frauennetzwerk Soroptimist und ihr Team.

Performance als „solidarischer Akt gegen Gewalt an Frauen”

Doch was wollen die Frauen bezwecken? „Diese Performance ist ein solidarischer Akt gegen Gewalt an Frauen – insbesondere gegen Femizide“, erklärten die Veranstalterinnen. Jede Frau im Brautkleid stehe für eine Frau, die im vergangenen Jahr von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wurde. Die Gesellschaft dürfe dabei nicht wegsehen. „Die Frauen gehen gegen das Schweigen und für das Engagement gegen Gewalt an Frauen: persönlich, institutionell und politisch.“ Gewalt an Frauen sei kein privates Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Denn: Fast täglich wird eine Frau getötet. Alle drei Minuten ist eine Frau Opfer von häuslicher Gewalt. Laut Angaben des Bundeskriminalamts ist die Zahl an frauenfeindlichen Straftaten in den letzten Jahren bundesweit sowie in Baden-Württemberg gestiegen.

Und nicht nur deshalb ist der Gedanke hinter der Trauer- und Protestaktion aktueller denn je – gerade auch in Stuttgart. Erst vergangene Woche ist in Stuttgart eine Frau nach einer Messerattacke gestorben. Sie war im Juli von ihrem Ex-Partner im Stuttgarter Einkaufszentrum Milaneo niedergestochen und anschließend angezündet worden. Nach Wochen erlag sie ihren Verletzungen. Die Frauen, die am Protest teilnehmen, fordern, dass Taten wie diese vom Gesetzgeber als Femizide angesehen werden.

An diesem Samstag schaut niemand weg. Der Schmerz und die Trauer angesichts der Taten sind spürbar, als die Frauen langsam und schweigend vom Württembergischen Kunstverein über den Schlossplatz und die Königstraße schreiten. „Für jede der Frauen ist es unfassbar schwer“, sagt Mitorganisatorin Lila Kurz-Ottenwälder. Mit ihrem bewusst gesetzten, irritierenden Bild fangen die Frauen die Blicke der Passanten ein. Menschen bleiben stehen, fragen nach, was es mit der Aktion auf sich hat. Negative Bemerkungen gibt es, bis auf zwei Männer, die ihr Unverständnis ausdrücken, an diesem Vormittag kaum. Die Brautkleider, die eigentlich ein Symbol für Liebe und ein gesellschaftliches Versprechen stehen, werden auf dem Zug zu Zeichen der Trauer und der Anklage. Das Weiß der Blütenblätter zur Farbe des Gedenkens. „Wir sind so leise, dass es unfassbar laut ist“, sagt Lila Kurz-Ottenwälder. „Wir hoffen, dass dieses Bild nicht vergessen wird.“

Zahlreiche Menschen beteiligen sich an Performance

Neben den 30 Frauen, die von Anfang an bei der Aktion dabei waren, beteiligen sich am Samstag weitere Frauen im Brautkleid, die sich nachträglich zur Aktion angemeldet haben. Auch dabei sind weitere Personen, die die Prozession in schwarzer Kleidung begleiten und Passanten mit Flyern Auskunft über die Aktion geben. Unter ihnen auch die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle. „Die Situation ist schlimm und gerade in Stuttgart aktueller denn je. Offenbar müssen wir noch sehr viel mehr Aufklärungsarbeit leisten“, sagt sie.

Neben Frauen beteiligen sich auch Männer an der Performance. Die Veranstalterinnen hatten zuvor explizit dazu aufgerufen. „Wir wollen, dass Männer begreifen, dass auch sie Teil der Lösung sein müssen und sich verantwortlich fühlen“, so Kurz-Ottenwälder. „Was soll es, wenn immer nur die Opfer auf die Straße gehen?“

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