Stuttgart - Man kann es nicht anders sagen: Elisabeth Rau hängt am Bädle, dem vom SSV Zuffenhausen betriebenen Freibad auf der Stuttgarter Schlotwiese.Voller Sorge hat sie die Diskussion um seine unsichere Zukunft und die der anderen drei Vereinsbäder verfolgt. Das Bädle ist das Bad, in dem sie wahrscheinlich im letzten Friedenssommer vor dem Zweiten Weltkrieg das Schwimmen gelernt hat – allerdings ohne Unterricht. „Wir sind einfach da rein gegangen, wo es nicht so tief war“, erinnert sich die 91-Jährige. Und dann hat sie's einfach versucht. Vielleicht beobachtet von ihren drei großen Brüdern und dem Vater, der vermutlich eingegriffen hätten, wenn sie den Boden unter den Füßen verloren hätte. Das genau Drumherum weiß sie nicht mehr so ganz genau.
Sie war vielleicht fünf Jahre alt. Generationen von Zuffenhäusern und Zuffenhäuserinnen haben wie Elisabeth Rau im Bädle Schwimmen gelernt. Nicht wegzudenken ist es für sie alle. Rau zitiert den Satz Emil Schulers, des Bezirksvorstehers Mitte der 1950er Jahre. Er hat angesichts der Konkurrenz des Bades in Stuttgart-Feuerbach den Satz geprägt: „Nach Feuerbach gehen wir nicht, lieber gehen wir dreckig ins Bett!“
Dass der Verzicht auf das Stuttgart-Sign dessen Rettung und die der drei anderen Vereinsbäder aller Wahrscheinlichkeit nach möglich macht, freut die leidenschaftliche Schwimmerin ungemein. “Das war ja mein Wunsch.“ Sie hatte sich schon Gedanken gemacht, wie man das Kleinod retten könnte. Überlegt, wie man finanzkräftige Geldgeber und Sponsoren ansprechen könnte, die Bäder zu retten.
Ein Leben in Zuffenhausen speziell ohne das Bädle kann und will sie sich überhaupt nicht vorstellen. „Mein Herz hängt am Bädle“, sagt sie. Heimat sei's. „Ich bleibe Mitglied im Verein“. Auch wenn sie seit drei Jahren nicht mehr zum Schwimmen dorthin geht. Höchstens zum Einkehren beim Griechen mit ihren Kindern und Enkeln. Das Bädle, das 1913 als Luftbad hinter dicken Büschen, dafür ohne Wasserbecken begann, ist Teil der Familiengeschichte. Schon ihr Vater – sie ist eine geborene Röhm – war hier Gast, wenn auch anfänglich nur zum Luftbaden. „Davon hat er immer viel erzählt“, sagt Elisabeth Rau. In den Schriften des Heimatgeschichtlichen Arbeitskreises Zuffenhausen ist nachzulesen, auf dem Gelände sei auch Faustball gespielt und Gymnastik betrieben worden. Und natürlich sonnten sich die Menschen leicht bekleidet dort. Das war ja der Vereinszweck.
1933 wurde das Bad zum Schwimmbad
1932 wurde nach dem Fund einer Quelle und dem Bohren eines Brunnens ein 25 Meter langes und zwölf Meter breites Becken gebaut. Das war die Geburtsstunde des Freibads, das 1933 eingeweiht wurde. Elisabeth Rau wurde 1943 als Neunjährige aufs Land verschickt, um sie vor den Angriffen auf Stuttgart in Sicherheit zu bringen. Als sie 1947 zurück nach Stuttgart kommt, gehört das Bädle zu einem der von ihr regelmäßig besuchten Orte. Wie schon als Kind ist sie die Strecke dorthin einmal quer durch den Ort zu Fuß gelaufen. Später dann mit dem Fahrrad, Mit Bus oder mit dem Auto gefahren.
Stets schwamm sie jeden Wochentag ihre 1000 Meter. Später dann nur noch 500 Meter. In ihren besten Zeiten brach Elisabeth Rau mit Freunden schon um 5.30 Uhr auf, um kurz nach Öffnung im Bädle ihre Bahnen zu ziehen. Wenn ihre drei Kinder aus dem Haus mussten, um pünktlich in der Schule zu sein, und ihr Mann zur Arbeit, war die leidenschaftliche Schwimmerin schon wieder zurück, um sie zu verabschieden.

