Stuttgart

Gründer von Hilfsorganisation zu zehn Jahren Haft verurteilt

Vergangenes Jahr verschwand der Stuttgarter Serkan Eren während eines Hilfseinsatzes im Iran. Nun wurde der Stelp-Gründer von einem Gericht zu zehn Jahren haft verurteilt. Welche Optionen gibt es jetzt?

Stuttgart - Ein Gericht im Iran hat Serkan Eren zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Begründung: „Kontakte zu einem Land, das der Iran als feindlich einstuft.“ Das hat die Stuttgarter Hilfsorganisation Stelp am Dienstagmittag mitgeteilt. Eren hat die Organisation gegründet und ist deren Geschäftsführer.

Eren war im Juni 2025 in den Iran gereist, um den Menschen dort zu helfen. Dabei verschwand er. Monate später stellte sich heraus: Er war gefangen genommen und ins Gefängnis gebracht worden. Nun wurde ihm der Prozess gemacht.

Er wusste um das Risiko. Kurz bevor er im Frühjahr 2025 in den Iran reiste, hat die Redaktion dieser Zeitung mit Serkan Eren telefoniert. Damals herrschte Krieg mit Israel, die Lage war und ist unübersichtlich. Sein gefährlichster Einsatz werde das, hat er da gesagt. Das Regime war nach den Luftangriffen Israels noch unberechenbarer geworden, Menschen wurden willkürlich verhaftet, eingesperrt und hingerichtet. Warum er trotzdem ging?

„Bei Stelp hatten sich viele Menschen gemeldet und um Hilfe gefleht“, sagte er. Viele Deutsch-Iraner haben darum gebeten, ihren Angehörigen zu helfen. Zudem wollte er Lebensmittel nach Teheran bringen. In der Stadt leben gut neun Millionen Menschen. Viele waren vor den Luftangriffen geflohen, hatten ihre Häuser verlassen. Allerdings seien kaum noch Lebensmittel zu bekommen, wusste Eren. Die wollte er auf dem Land kaufen und mit vorher organisierten Lastwagen nach Teheran bringen.

Eren wollte unbedingt in den Iran gehen

Sein Team hatte ihn bekniet, nicht zu gehen. Doch Eren hat einen arg schwäbischen Dickkopf. Da warteten Menschen auf Hilfe, das ließ ihn das Risiko ausblenden. Pflichtgefühl, Verantwortungsgefühl, das treibt ihn, sicher auch mehr als nur eine Prise Abenteuerlust. Und womöglich das Gefühl, unverwundbar zu sein. So viele kritische Situationen hatte er schon bei seinen Hilfseinsätzen überstanden, im Libanon, in Jemen, in Afghanistan, in der Ukraine. Immer wieder kam er davon, manchmal mit knapper Not.

Im Iran ging zunächst alles gut. Die Lebensmittel hatte er nach Teheran gebracht; er hatte sich dann von dort gemeldet, fühlte sich offenbar sicher, schrieb über soziale Netzwerke, etwa, dass er sich jetzt die Haare schneiden lasse. Am 28. Juni wollte Eren nach fünf Tagen im Iran ausreisen. Das hat nicht geklappt. Lange Monate war nichts von ihm zu hören. Dann kam die Nachricht, dass er in Haft ist. Und nun das Urteil.

Das Regime im Iran erweist sich als unversöhnlich und brutal. Zumal es sich jetzt auch im Krieg mit den USA und seinen Nachbarn befindet. Ein Gericht hat Eren zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Begründung laut Stelp: „Kontakte zu einem Land, das der Iran als feindlich einstuft.“ Was auch immer das bedeutet. Ein Anwalt hat Eren vertreten, Näheres über die Umstände ist allerdings nicht zu erfahren.

„Die Entscheidung des Gerichts hat uns schockiert“, heißt es in einer Stellungnahme von Stelp. „Wir sind zutiefst bestürzt und können sie nicht nachvollziehen. Aus unserer Sicht werden das Urteil und insbesondere das Strafmaß den Umständen des Falls nicht gerecht.“ Insbesondere die rechtliche Bewertung könne man nicht nachvollziehen. Man habe in den vergangenen Monaten alles darangesetzt, Serkan bestmöglich zu unterstützen. „Wir arbeiten auch weiterhin mit Hochdruck daran, ihn sicher nach Hause zu bringen. Das hat für die Organisation oberste Priorität.“

Darüber hinaus bleibt Stelp bei seiner Taktik, wenig verlauten zu lassen: „Zum Schutz von Serkan und allen Beteiligten werden wir uns zum aktuellen Zeitpunkt nicht zu weiteren Details äußern.“

In der Vergangenheit war die Sprachregelung stets: Man tue alles, um ihn in dieser Situation bestmöglich zu unterstützen – mit erfahrenen Experten und über diplomatische Kanäle. Weil Serkan Eren türkischer Staatsbürger ist, hatten Stelp und Erens Familie die türkische Regierung eingeschaltet. In der Vergangenheit gab es zwischen der Türkei und dem Iran immer wieder Gesprächskanäle, darauf setzte man. Eren hat zwar von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen, aber tatsächlich ist die Türkei Ansprechpartner.

Wie es jetzt weitergeht? Wie es weitergehen könnte? Ob sich nun auch die deutsche Diplomatie einschaltet? Die türkische unterstützt? Auch darüber schweigt man. In der Vergangenheit gab es immer wieder Austausche von Gefangenen. Doch ob das Regime gesprächsbereit ist? Tatsächlich wurde just am Tag des Urteils gegen Eren der berühmte iranische Regisseur Reza Dormishian verhaftet. Wegen „Propaganda gegen das Regime“.

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