Stuttgart

Gewalt gegen queere Menschen steigt

Am 25. Juli steigt die große Pride-Parade in Stuttgart – wie blickt die Community auf die CSD-Demo? Fühlen sich die Menschen sicher?

  • Am 25. Juli wird es bunt in den Straßen: Dann zieht die CSD-Parade wieder durch Stuttgart – für viele Teilnehmende ist die Demo dieses Jahr wichtiger denn je.Foto: Andreas Rosar

    Am 25. Juli wird es bunt in den Straßen: Dann zieht die CSD-Parade wieder durch Stuttgart – für viele Teilnehmende ist die Demo dieses Jahr wichtiger denn je.Foto: Andreas Rosar

Stuttgart - In der Straßenbahn angepöbelt, auf dem Heimweg verprügelt – seit Jahren nimmt die Zahl an Übergriffen gegenüber der LGBTIQA+-Community zu. Queere Menschen fühlen sich vielerorts zunehmend bedroht. Die Zahlen des Landeskriminalamts Baden-Württemberg (LKA) bestätigen das. Demnach steigt die Zahl der Straftaten in Zusammenhang mit geschlechtsbezogener Diversität und sexueller Orientierung seit Jahren an. Während in Baden-Württemberg im Jahr 2022 noch 54 Fälle registriert wurden, meldete das LKA für das Jahr 2025 bereits 200 Straftaten.

In Stuttgart sieht es ähnlich aus: Während im Jahr 2022 acht Fälle angezeigt wurden, stieg die Zahl im Jahr 2025 laut Angaben des LKA auf 57 Fälle. Nicht einberechnet ist dabei die Dunkelziffer, also Fälle, die nicht bei der Polizei gemeldet wurden – denn viele Betroffene schämen sich oder bringen Straftaten aus anderen Gründen nicht zur Anzeige. Gerade deshalb ist es für queere Menschen in Stuttgart umso wichtiger, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen, findet Lars Lindauer. Der Vorstand der IG CSD Stuttgart, die jährlich die Stuttgart Pride organisiert. Bereits im vergangenen Jahr kamen so viele Menschen wie nie zuvor zur Demo in die Innenstadt. Und auch in diesem Jahr feiern die Community und ihre Allies den Christopher Street Day (CSD) und ziehen im Rahmen der Parade am 25. Juli von 14 bis 17 Uhr wieder vom Feuersee über den Rotebühlplatz, zum Marktplatz bis zum Schlossplatz, wo dann eine Kundgebung stattfindet.

„Ich würde nicht sagen, dass man sich unsicherer fühlt, aber natürlich gibt es derzeit allgemein eine höhere Aufmerksamkeit für das Thema. Die Gewalt gegen queere Menschen steigt jedes Jahr“, so Lindauer. Dabei sei es umso wichtiger, „dass alle zum CSD kommen können – so wie sie sind, und sich sicher fühlen“. Man stehe in der Verantwortung, eine sichere Demo zu veranstalten. „Für uns hat der Schutz der Teilnehmenden und der Besucher an diesem Wochenende höchste Priorität. Dafür stehen wir auch in engem Kontakt mit der Polizei.“

Im letzten Jahr hatte es im Vorfeld des CSD Diskussionen über mögliche Gegendemonstrationen gegeben. Während etwa beim CSD in Pforzheim Mitte Juni auch in diesem Jahr eine Gruppe von rechten Gegendemonstranten auftrat, sei das in Stuttgart bislang kein Thema, erklärt die Polizei Stuttgart auf Anfrage. „Nach derzeitigem Stand sind keine Gegendemonstrationen angemeldet“, so Sprecher Stephan Widmann. Dennoch sei man auf alle Eventualitäten vorbereitet. Im Vorfeld werde die Gefährdungslage in Zusammenarbeit mit dem Staatsschutz des Polizeipräsidiums Stuttgart bewertet. „Es handelt sich um eine Großveranstaltung, mit einer grundsätzlich hohen abstrakten Gefährdungslage, die es zu schützen gilt“, so Widmann. Dieser begegne die Polizei mit einem entsprechenden Kräftekonzept und Zufahrtssperren im Bereich der Innenstadt.

Zur Einsatzbewältigung richtet die Polizei eine sogenannte „Besondere Aufbauorganisation (BAO)“ ein, in der – in enger Abstimmung mit den Organisatoren des CSD und der Versammlungsbehörde der Stadt Stuttgart – alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutz und zur Sicherheit der Versammlung und der begleitenden CSD-Hocketse getroffen werden. Gleichzeitig richtet die Polizei einen Appell an alle CSD-Teilnehmenden und Besucher: „Wir ermutigen alle, die Opfer von Straftaten geworden sind, uns offensiv anzusprechen.“

Für ein Sicherheitskonzept während der Demo und der anschließenden Hocketse am 25. Juli ist also gesorgt. Problematisch sei häufig jedoch die An- und Abreise zu und von der CSD-Parade und den anschließenden Partys, wenn man sich offen als der Community zugehörig zu erkennen gebe, gerade in den späten Abendstunden, gibt Lars Lindauer von der IG CSD Stuttgart zu bedenken. In der Vergangenheit habe es bereits Vorfälle gegeben. „Wir appellieren deshalb jedes Jahr an die Leute, nicht allein an- und abzureisen und auf dem Heimweg aufeinander zu achten.“

Wie bereits im letzten Jahr kooperiert die Stuttgart Pride auch dieses Jahr mit der sogenannten „Eve“-App, die etwa Unterstützung für einen sicheren Heimweg oder in Notfällen Anlaufstellen im Nachtleben bietet. „Während der Demo und der anschließenden CSD-Hocketse wird in diesem Jahr außerdem ein so großes Awareness-Team wie noch nie dabei sein“, so Lindauer. „Wir hoffen so, noch mehr Sicherheit und Schutz für Betroffene bieten zu können.“

Schillernde Vertreterinnen der LGBTIQA+-Community sind beim CSD auch Drag Queens, die sich bei den jährlichen Paraden unter das Demo-Volk mischen oder auf Wagen mitfahren. Eine von ihnen ist die Stuttgarter Drag Queen Danny Ma Fanny. Sie ist in diesem Jahr wieder Teil der Stuttgarter Pride-Parade, fährt auf dem Wagen der Comic Con mit, die dieses Jahr erstmals beim Stuttgarter CSD vertreten ist.

Angst oder Unsicherheit verspürt die Drag Queen mit Blick auf die Demo am 25. Juli zwar nicht, wie sie sagt – doch man mache sich schon Gedanken und besuche Events wie diese mit einer gewissen Vorsicht. „Man hört immer wieder von Übergriffen auf die Community“, erzählt sie. Danny Ma Fanny ist deshalb meist in größeren Gruppen und nicht allein unterwegs, nutzt in Drag keine öffentlichen Verkehrsmittel. Gleichzeitig verlasse sie sich während der Parade auch auf die Einsatz- und Sicherheitskräfte der Polizei. „Außerdem ist es ja genau das, was Gegenparteien wollen – nämlich, uns einzuschüchtern“, so die Drag Queen. „Und das dürfen wir nicht zulassen. In dieser Zeit kommt der Grundgedanke des CSD wieder mehr auf: Es ist nicht einfach nur eine Party oder Parade, sondern eine Demonstration.“

Am 5. Juli hat Danny Ma Fanny bereits den CSD in Köln miterlebt – und war positiv überrascht. „Es waren über eine Million Leute dort und alle haben ruhig und friedlich gefeiert, es gab keine Zwischenfälle.“ Das hofft Danny Ma Fanny auch für die Demo in Stuttgart. Dem kann sich Till Scheurle von den Stuttgarter Bären nur anschließen. Mit seiner Gruppe des Weissenburg-Vereins zieht er ebenfalls bei der Demo durch die Innenstadt. Trotz negativer Erfahrungen in der Vergangenheit – Zaungäste hätten sich am Rande des Demo-Zugs mit Plakaten gegen die Gruppe ausgesprochen, erzählt Scheurle – blickt auch er optimistisch auf die CSD-Parade am 25. Juli, setzt vor allem viel Vertrauen in die Ordnungs- und Einsatzkräfte der Polizei vor Ort.

Die 32-jährige Sarah aus Stuttgart lebt in einer lesbischen Ehe und ist fast jedes Jahr beim CSD in Stuttgart mit dabei. „Mir ist klar, dass bei solchen Großveranstaltungen und Demos immer auch Gegenwind kommen kann“, sagt sie. Die Demo werde sie dennoch – oder auch gerade deshalb – wieder besuchen. „Ich finde es aufgrund der aktuellen politischen Lage noch wichtiger als je zuvor, dass viele Menschen den CSD besuchen und Teil der Demo sind. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, sich für Vielfalt und Gleichberechtigung einzusetzen und damit ein Statement zu setzen.“

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