Stuttgart - Samstagnachmittag, 32 Grad. Die Sonne brennt. Schatten ist rar. Trotzdem ist die Stuttgarter Innenstadt auf den Beinen: laut, bunt und rappelvoll. Auch in diesem Jahr hat der Christopher Street Day wieder Zehntausende Menschen in die Innenstadt gelockt.
Aus den Boxen eines Trucks dröhnt Lady Gagas „Born This Way". Viele singen mit. Einige tanzen auf den Gehwegen, andere schwenken Regenbogenfahnen im Takt. Der Klassiker gehört zu jeder queeren Party dazu. Auch an diesem Samstag in Stuttgart ist der Song nicht wegzudenken. Denn genau darum soll es heute gehen: stolz sein und feiern, wie man ist.
Pünktlich um 14 Uhr setzt sich die Demonstration am Feuersee in Bewegung. Zu dieser Zeit kann noch keiner ahnen, dass am späten Abend ein mutmaßlicher Anschlag beim Berliner CSD das Wochenende überschatten wird. Unter dem Motto „Ohne uns kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark" ziehen 156 Formationen durch die Stuttgarter Innenstadt – ein leichter Rückgang gegenüber dem Rekordjahr 2025 mit 161 Gruppen. Dennoch zählt Stuttgart damit nach wie vor zu den größten CSD-Standorten Deutschlands.
Queeres Leben sichtbar machen
Doch so ausgelassen die Stimmung auch ist, für viele auf der Demo steckt hinter der riesigen Party weit mehr. Betina Starzmann sitzt im Vorstand der IG CSD Stuttgart, die den Protest organisiert. Am Streckenrand erklärt sie, warum sie auch in diesem Jahr auf die Straße geht: „Man liest immer mehr Berichte in den Medien, die Hass- und Kriminalitätszahlen steigen wieder, die Akzeptanz in der Gesellschaft nimmt ab. Deshalb müssen wir nach wie vor Sichtbarkeit zeigen auf den Straßen und für unsere Rechte einstehen.“
Ihr Vorstandskollege Lars Lindauer sieht noch einen Grund, warum der CSD nötig bleibt: Aufklärung. „Es gibt, glaube ich, auch viele Fragen. Leute verstehen manchmal gar nicht so richtig, warum wir demonstrieren und wofür das überhaupt gut ist. Es gibt viele Vorurteile, und diesen versuchen wir hier entgegenzutreten.“ Die Botschaft der Stuttgart Pride ist unmissverständlich: Sie sind hier. Sie sind laut. Sie sind sichtbar.
Am Streckenrand kommt man schnell ins Gespräch. Die Stimmen der Teilnehmenden zeigen, wie unterschiedlich die Beweggründe für den heutigen Tag sind. „Wir sind heute hier, weil wir für Menschenrechte einstehen wollen“, sagt Meike aus Stuttgart. „Außerdem wollen wir Spaß haben.“ Für sie und ihre Gruppe ist es nicht der erste CSD, regelmäßig ziehen sie gemeinsam von Pride zu Pride. Die Stimmung habe ihr heute besonders gut gefallen, sagt sie und lacht – am meisten sei ihr ein Schild in Erinnerung geblieben, mit dem Wortwitz „I can’t even think straight“ („Ich kann nicht mal gerade denken“) – „straight“ bedeutet im Englischen „gerade“, aber auch „heterosexuell“.
Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand
Ein paar Meter weiter klingt es kritischer. Valentin steht mit seiner Freundesgruppe am Streckenrand und wägt ab: „Der CSD an sich gefällt mir, ich feiere gern queere Sichtbarkeit. Aber heute waren mir zu viele kommerzielle Unternehmen dabei.“ Bei manchen Firmen und Parteien frage er sich schon, ob sie wirklich hinter dem stünden, wofür der CSD stehe, so der Stuttgarter.
Diese Skepsis ist nicht neu – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nehmen manchen Parteien oder Firmen ihr Engagement nicht ab. Erst Anfang Juli waren beim CSD in Köln Videos viral gegangen, in denen der Wagen der „Lesben und Schwulen in der Union“ (LSU) von Teilen der Zuschauer ausgebuht wurde. Der Grund: Der Vorwurf an die CDU, sich zwar mit einer eigenen queeren Interessenvertretung zu schmücken, in der Bundespolitik aber immer wieder gegen queere Rechte zu stimmen – etwa 2017 bei der Ehe für alle.
Der Fall aus Köln zeigt: Der CSD bleibt kämpferisch. Die Präsenz von Parteien und Unternehmen bei den Umzügen wird daran gemessen, wie glaubwürdig ihr Engagement tatsächlich ist. Auch in Stuttgart zogen mehrere Parteien mit eigenem Wagen durch die Innenstadt, unter ihnen die Grünen, angeführt unter anderem von der Vize-Landtagspräsidentin Muhterem Aras.
Die Polizei zieht eine positive Bilanz. Mehrere Hundert Einsatzkräfte waren vor Ort. Sie nahmen zwölf Straftaten auf, meist Körperverletzungsdelikte und Beleidigungen. Sechs Personen bekamen einen Platzverweis. Kurzzeitig blockierten gegen 16.40 Uhr fünf bis zehn Personen mutmaßlich aus dem linken Spektrum einen Wagen der CDU. Ordner hatten die Blockade bereits vor Eintreffen der Einsatzkräfte aufgelöst, die Tatverdächtigen verschwanden in der Menge. Polizeieinsatzleiter Jens Rügner ist insgesamt zufrieden: „Unser Einsatzkonzept ist aufgegangen. Wir haben die Grundlage geschaffen, dass hunderttausende Zuschauer friedlich in der Innenstadt feiern konnten.“
Während in Stuttgart friedlich gefeiert wurde, kam es am späten Abend in Berlin zu einer Gewalttat: Bei einem Terroranschlag auf den dortigen CSD wurde eine Frau getötet. Nach Angaben von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt wurden weitere 29 Menschen verletzt, einige schweben in Lebensgefahr. Der Tatverdächtige wird der islamistischen Szene zugerechnet.

