Stuttgart

Einziges Hotelschiff in der Region steht zum Verkauf

Die „Ahoy” am Stuttgarter Neckarufer in der Nähe von Fridas Pier sucht einen neuen Besitzer.

  • Das Hotel Ahoy in Stuttgart auf dem Neckar ist ein Unikum.Foto:  

    Das Hotel Ahoy in Stuttgart auf dem Neckar ist ein Unikum.Foto:  

Stuttgart - In der Region Stuttgart gibt es an die 800 Hotels, Pensionen, Gasthöfe, Hostels, die Airbnb- und Booking-Angebote für Übernachtungen nicht eingerechnet. Aber es gibt – einmal abgesehen von den Flusskreuzfahrtschiffen – genau ein einziges Hotelschiff: Die „Ahoy” hinter Fridas Pier am Neckarufer von Stuttgart-Ost. Das mehr als 100 Jahre alte Schiff ist einzigartig, nicht nur in Stuttgart, sondern auf dem ganzen Neckar. Die Stuttgarter Künstlerin Sabine Tauchert hat die außergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit während der Pandemie geschaffen. Jetzt ist es für sie gesundheits- und altersbedingt Zeit, einen neuen Kapitän für das mit viel Herzblut gestaltete Schiff zu finden.

An diesen sonnigen Spätsommertagen sieht der Neckar vom Deck der „Ahoy” eher aus wie ein ganz ruhiger See. Das gegenüberliegende Ufer spiegelt sich auf der glatten Wasseroberfläche, gelegentlich gleiten sportliche Ruderboote vorbei. Hier an Deck oder im rundum verglasten Salon mit Schiffsbar haben sich an lauen Sommer- oder frischen Winterabenden die unterschiedlichsten Menschen getroffen.

Punker haben mit Ärzten gequatscht, Künstler mit Geschäftsleuten diskutiert, aufgeschlossene Besucher von sexpositiven Partys nebenan auf Fridas Pier ganz normale Städtetouristen aus Bayern kennengelernt. Alle duzen sich, auch der vermeintlich größte Langweiler erzählt Geschichten, Freundschaften sind entstanden, WhatsApp-Gruppen, die den Wochenendtrip auf Jahre überdauern.

In 14 Kabinen Platz für 40 Gäste

Zu erreichen ist dieses ganz besondere Hotel am besten zu Fuß von der Gaisburger Brücke aus. In 14 Kabinen mit Stockbetten finden 40 Übernachtungsgäste Platz. Besonders gerne übernachten Besucherinnen und Besucher von Konzerten auf dem Wasen, in der Schleyerhalle oder der Porsche-Arena auf dem Wasser. Auch Volksfest-Gäste sind einem manchmal leicht schwankenden Untergrund nicht abgeneigt. Der VfB und das Mercedes-Museum oder Fridas Pier gleich nebenan locken wieder andere Gruppen an.

Ohne die Corona-Pandemie hätte es die „Ahoy” nie gegeben. In der Zeit der Lockdowns hat die Stuttgarter Künstlerin Sabine Tauchert, auch als „Hafensabine” bekannt, wie so viele andere Künstler kein Geld verdient. Deswegen wollte sie sich auf Dauer ein zweites Standbein schaffen und machte sich auf die Suche nach einem Schiff. Damit hatte sie schon lange Erfahrung, nicht nur wegen ihres einstigen Ateliers mitten im Stuttgarter Hafen, sondern vor allem durch ihr Künstleratelier auf einem großen Neckarfrachtschiff. Die „Ahoy” entdeckte sie in den Niederlanden.

Das Schiff war 1914 in Delfshaven als Frachtschiff vom Stapel gelaufen. In den Kriegsjahren ließen die Eigner sie mit Stockbetten aus Wasserrohren ausrüsten, um Kindern bei Flussfahrten wenigstens eine kurze, fröhlichere Zeit zu ermöglichen. Wieder später schipperten die Eigner über Jahrzehnte Radtouristen über niederländische und deutsche Flüsse, vor allem den Rhein entlang.

Bis ins hohe Alter von 80 Jahren wohnte das Besitzerpaar in der Eignerkabine auf der „Ahoy”, bevor sie es an die Stuttgarterin verkauften. Sie gestaltete das knapp 40 Meter lange und 5,25 Meter breite Kabinenschiff ein Jahr lang zeitgemäßer um, fand eine Mischung zwischen dem historischen Charme und „Rockabilly Maritim”, wie sie es selbst nennt. Eines Tages war es so weit, sie schaltete die „Ahoy” auf einer der großen Buchungsplattformen frei und wollte sich und ihrer Freundin, die ihr geholfen hatte, erst einmal einen Kaffee machen. Noch bevor die erste Tasse voll war, plingte und vibrierte ihr Smartphone und die ersten Buchungen kamen herein.

Die Gesundheit macht nicht mehr mit

Fünf Jahre lang hat Sabine Tauchert mit der „Ahoy” eine tolle Zeit erlebt. Aber gesundheitliche Probleme lassen die Arbeit an Bord für die 60-Jährige immer beschwerlicher werden. Deswegen ist für sie Zeit, Abschied von ihrem Hotelschiff und vom Neckarufer zu nehmen. Leicht fällt es ihr nicht, andererseits will sie aber auch wieder öfter reisen, Freunde in der Welt besuchen. „Ich kann das Schiff halt nicht einfach mal drei Monate hier anbinden und sagen: Ich bin dann mal weg. Das geht nicht.”

Also hat sie sich zum Verkauf entschlossen. Für 590.000 Euro hat sie die „Ahoy” bei Kleinanzeigen angeboten. Kaum machte die Nachricht unter ihren Stammgästen die Runde, meldeten sich innerhalb von wenigen Stunden mehr als 100 von ihnen bei ihr und wollten sie davon abbringen. Aber die Entscheidung steht. Das schwimmende Schmuckstück sucht einen neuen Liebhaber mit ganz viel Herzblut – damit Stuttgart-Besucher die Landeshauptstadt auch weiter von einer ganz unbekannten Seite entdecken können.

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