Stuttgart

Eine neue Qualität der Bedrohung

Die Spurensuche geht los. Ihre Ergebnisse könnten auch die Bundesregierung in die Bredouille bringen.

  • Die ukrainische Antonov-Maschine steht nach dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle.Foto: Hendrik Schmidt/dpa

    Die ukrainische Antonov-Maschine steht nach dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle.Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Stuttgart - Leipzig und sein Flughafen haben Glück gehabt – und das schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren. Im Juli 2024 war es dem Zufall zu verdanken, dass ein Brandsatz in einem Versandpaket nicht in der Luft, sondern schon am Boden zündete. Am Dienstag wurde eine mit Sprengstoff beladene Drohne wohl gerade noch gefunden, bevor sie zur Explosion gebracht werden konnte.

Bei genauerer Betrachtung hat nicht nur Leipzig Glück gehabt, sondern die ganze Republik. Nicht auszudenken, wenn eine russische Drohne auf deutschem Gebiet ukrainische Flugzeuge beschädigt oder gar vernichtet hätte. Auf Glück allein dürfen sich künftig weder Leipzig noch Deutschland verlassen.

Der letzte Beweis, dass es sich um einen Anschlagsversuch handelte, bei dem die Fäden des Handelns nach Russland führen, ist noch nicht erbracht. Die Worte des Innenministers lassen aber kaum einen anderen Schluss zu. Wenn Alexander Dobrindt von einem „hybriden Anschlagsszenario“ spricht, und davon, dass „möglicherweise fremde Mächte“ im Spiel seien, dann ist klar, wohin die gedankliche Reise geht. Das setzt nicht nur die Ermittlungsbehörden unter Druck, sondern auch die Bundesregierung.

Natürlich gilt es zunächst Fakten zu sichern und Fragen zu beantworten. Ein Teil der Probleme ist aber bereits hinlänglich bekannt. Im Bereich der Drohnenabwehr steht Deutschland noch ganz am Anfang. Verschiedene Innenminister der Länder behaupten zwar gelegentlich das Gegenteil, streuen den Menschen damit aber Sand in die Augen. Dass in Leipzig offenbar ein Busfahrer eher zufällig die Gefahr erkannt und beseitigt hat, spricht nicht für ein funktionierendes Sicherheitssystem. Das muss ohnehin angepasst werden. Drohnenschutz an Flughäfen war bisher in erster Linie darauf ausgelegt, Zusammenstöße zu verhindern. Ein mit Drohnen verübter Sprengstoffanschlag ist eine neue, dramatisch höhere Qualität der Bedrohung.

Dass nicht nur Flughäfen, sondern auch andere Einrichtungen der Infrastruktur Ziel eines Anschlages sein können, zeigt, wie groß die Gefahr ist und wie klein die Möglichkeit des totalen Schutzes. Nicht jedes Umspannwerk, jede Wasserturbine, jedes Rechenzentrum kann davor bewahrt werden, als mögliches Ziel von Drohnen erfasst zu werden. Exkurs: Auch Weihnachtsmärkte und andere Menschenansammlungen werden nicht vor Gefahren aus der Luft geschützt. Doch auch Islamisten können mit der Entwicklung Schritt halten.

Zurück nach Leipzig. Sollte sich herausstellen, dass die Ereignisse in irgendeiner Art und Weise mit Akteuren in Moskau in Verbindung stehen, dann gibt es ein noch viel größeres Problem: Wie soll die Politik reagieren? Klassische Mittel der Diplomatie, etwa die Einbestellung des russischen Botschafters, wirken lächerlich. Sanktionen gibt es gegen Russland schon genug. Bundeskanzler Friedrich Merz ist dringend anzuraten, seinen Sommerurlaub zu unterbrechen, um sich darüber Gedanken zu machen.

Wie schwer es ist, die Kette der Verantwortlichkeit zu belegen, zeigt unterdessen ein anderer Fall. In Hamburg klagte die Bundesanwaltschaft jüngst einen Mann an, der die Gas-Pipeline Nordstream in die Luft gejagt haben soll: Bei ihm handelt es sich um einen Ukrainer, einen Elitesoldaten, ein Mitglied einer Spezialeinheit. Die Frage aller Fragen, nämlich wer in Kiew von diesem Anschlag wusste, bleibt unbeantwortet. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass zwar der Mensch ermittelt wird, der die Sprengstoffdrohne auf dem Vorfeld in Leipzig platziert hat, dass ihm der Prozess gemacht wird und dass er bestraft wird. Es ist aber ebenso gut möglich, dass alles Wissen über Hintermänner und Drahtzieher in Dunkeln bleibt.

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