Stuttgart

Ein Gscheidle, wie’s kein zweites gibt

Man darf es eigentlich nicht laut sagen, der Jubilar hört es nicht gerne, doch die Wahrheit lässt sich nicht unterdrücken: Gerhard Raff, bekannter Historiker und Mundartautor, wird heute 80 Jahre alt.

  • Gerhard Raff (rechts) mit Oberbürgermeister Frank Nopper 2022 bei der Verleihung der Staufermedaille in Gold.Foto: Lichtgut/Julian Rettig

    Gerhard Raff (rechts) mit Oberbürgermeister Frank Nopper 2022 bei der Verleihung der Staufermedaille in Gold.Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - „Bitte tu’s net!“, bat er fast flehentlich. „Tut mir leid, wir müssen, Gerhard!“ „Wenn du mir einen Gefallen tun willst, lasset’s bleiba!“ „Aber Deine vielen Leser, Gerhard . . .“ „Verschtandet mi doch, ich komm sonscht nemme vom Telefon weg ond es gibt wieder an Postberg ond en E-Mail-Tsunami, ond i ka net antworte ond Dankschee sage, wie sich’s ghaire dät.“ „Trotzdem! 80 Jahre, Gerhard, das können wir doch nicht verschweigen!“

So ging es hin und her zwischen dem sich zierenden Jubilar und dem Redakteur, den mit Gerhard Raff seit Langem eine Freundschaft rund um das journalistisch unkritische Thema Mundart verbindet. Am Ende dieses im Juli geführten Telefonats stand ein wenig überzeugtes „Na gut Gerhard, dann lassen wir’s“. Kein Text anlässlich des „Senilitätsgedenktages“, wie Raff seinen Geburtstag standardmäßig bezeichnet.

Doch dann nahmen die Dinge, wie im Fall von Raff nicht anders zu erwarten, ihren Lauf. Der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl veröffentlichte bereits eine Woche vor dem runden Geburtstag ein Glückwunschschreiben, in dem er Raff, der in Tübingen Geschichte und evangelische Theologie studiert und bei Hansmartin Decker-Hauff über die Genealogie des Hauses Württemberg promoviert hat, als „exzellenten Historiker und Kenner der Geschichte Württembergs“ würdigte. Darüber hinaus als „großen Wohltäter“: „Ich danke Gerhard Raff, dass er die Gaben, die ihm der liebe Gott geschenkt hat, so großzügig teilt und für die vielen Projekte, die er unterstützt hat“, schrieb der Bischof. Dass er am 13. August das „doppelte Schwabenalter“ erreichen würde, war also längst aufgefallen. Außerdem standen die ersten Gratulanten bereits vor seiner Haustür, ausgestattet „mit Flachswickel ond Hembeerxälz“.

Seit 1973 schreibt Raff für die Stuttgarter Zeitung

Wer Gerhard Raff kennt, weiß: Insgeheim freut er sich über dieses An-ihn-Denken, auch wenn er inständig darum bittet, „koin Zinnober“ zu machen, und auf die Frage, was er sich zum 80. wünsche, antwortet: „Mei Rueh!“ Was ihn allerdings nicht freut, ist die Formulierung, er sei „gebürtiger Stuttgarter“, auch wenn die Ortszuschreibung in diesem Fall vom Bischof stammt. Raff ist „Degerlocher Baurabueb“. Dabei bleibt es. Dort lebt und schreibt er und erfreut sich an dem „schönsten Bauerngarten Deutschlands“, wie der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Gärtle hinter seiner Scheuer einst nannte.

Gerhard Raff ist aber nicht nur Degerlocher, er ist auch ein Phänomen. Der Autor des bisher vierbändigen, noch unvollendeten Geschichtswerkes des Hauses Württemberg („Hie gut Württemberg allewege“), etlicher Mundartbestseller („Herr schmeiß Hirn ra“) und mehrerer Tausend Kolumnen in der Stuttgarter Zeitung, für die er seit 1973 über Land und Leute schreibt, ist ein Gscheidle, wie’s kein zweites gibt. Ein Wissens-Riese, ein Super-Käpsele. Er redet wie ein Buch – so gelehrig – und zugleich wie ein Wasserfall: frei und ohne Punkt und Komma, wobei die ergiebigen Nebensätze am Ende immer wieder in die Hauptsache münden. Der Volkskundler Werner Mezger ist der Meinung, Raff habe es wegen seines „Universalwissens“ über die Schwaben verdient, „il Suevo“ genannt zu werden – angelehnt an die von ihm verehrten Staufer, die den Geist Schwabens in die Welt getragen hätten und in Italien „Suevi“ heißen.

Metzger nennt ihn „Il Suevo“, Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper bezeichnet ihn als „Haupt-und Prachtskerle“ – höher geht’s im Schwäbischen nicht. Der Anlass war die Verleihung der Goldenen Staufermedaille des Landes – einer persönlichen Auszeichnung des Ministerpräsidenten für Verdienste um das Land Baden-Württemberg – vor vier Jahren im Stuttgarter Rathaus. Gewürdigt wurde dort nicht nur der Historiker und Schriftsteller Gerhard Raff, sondern besonders der Wohltäter.

Raff absolvierte bis zu 302 Auftritte im Jahr

Durch seine „Benefizschwätzerei“ dürfte über die Jahre immerhin ein zweistelliger Millionenbetrag zusammengekommen sein. Geld, das in zahlreiche wohltätige Projekte in aller Welt floss. Auch in den Erhalt von Gotteshäusern wie das Ulmer Münster, den Brandenburger Dom und die St. Ulrichskirche in Weissach. Mit dem Erlös des zweiten Bandes von „Hie gut Wirtemberg allewege!“ stiftete er die Pilgerherberge von „La Faba“ am spanischen Jakobsweg. Mit dem Geld aus Band drei bewahrte er die angrenzende mittelalterliche St. Andreaskirche vor dem Einsturz. Pilger aus Baden-Württemberg, die dort ein Gedicht von Schiller, Hölderlin oder Mörike aufsagen oder ein Lied von Silcher vortragen können, übernachten übrigens gratis. Darüber hinaus initiierte der „Multimillionenstifter mit Minimaleinkommen“ („Schwäbische Zeitung“) fast 200 Denkmale.

Reden und spenden – das war das Prinzip. In seinen „geschwätzigsten“ Jahren brachte Raff es auf bis zu 302 „nulltarifliche und spesenfreie“ Auftritte im Jahr, wobei seine Erwartung stets in dem Satz bestand: „Alles unter 1000 Euro Spende wär a Ohrfeige, ond i ben in über 25 Jahr kein gotziges Mal geohrfeigt worda!“

Gesundheitsbedingt ist dieser „weltweit meistgelesene Dialektautor“ (Ulrich Frank Planitz, Deutsche Verlags-Anstalt) und größte Benefizschwätzer auf Gottes württembergischen Erdboden seit einigen Jahren gezwungen, ein Fremdwort zu lernen, das sich ihm lange schwer einprägen wollte. Es lautet Schonung! Doch seine Krankenakte, in der fünf Herzinfarkte und zwei Schlaganfälle stehen, die er nach eigenem Bekunden „dank göttlicher Gnade und ärztlicher Kunst von Königin Katharinas Bodenpersonal“ überlebt hat, lassen ihm keine andere Wahl, weshalb Gerhard Raff heute nur noch sehr selten zu hören ist. Sein Kenntnisreichtum, sein Witz und seine schwäbische Aufmüpfigkeit aber sind geblieben.

Umgekehrt auch die Verehrung, die ihm von seiner inzwischen gereiften, jedoch weiterhin beeindruckend großen Fangemeinde entgegengebracht wird. Man darf sicher sein, dass sie den 80. Geburtstag ihres Gerhard Raff nicht vergisst, so sehr der Jubilar sich auch drücken möchte. Ihre Glückwünsche werden ihn, auf welchem Weg auch immer, erreichen. Und erfreuen!

Wie jener oft zitierte Spruch von Vicco von Bülow alias Loriot, für den Gerhard Raff eine von Ulrich Gsell geschaffene Säule am Eugensplatz in Stuttgart „erraffte“. Er lautet: „Der Dr. Raff von Degerloch / Er lebe lang und drei mal hoch!“ Dem schließen wir uns an: Herzlichen Glückwunsch Gerhard Raff!

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