Als die Bilder eines Nicolás Maduro in Handschellen Anfang des Jahres um die Welt gingen, jubelten Millionen von Venezolanern. Einer der brutalsten Despoten war auf dem Weg in ein New Yorker Gefängnis, wo ihm wegen „Drogenterrorismus“ der Prozess gemacht werden soll. Viele Menschen träumten von Neuwahlen und einem Neuanfang. Von dieser Wunschvorstellung ist heute nicht mehr viel übrig. Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, die lange Jahre Maduros schwere Menschenrechtsverletzungen unterstützte, hat sich inzwischen mit dem ehemaligen Todfeind USA arrangiert. Viele Venezolaner sind angesichts dieser Entwicklung fassungslos.
Der Harvard-Professor Ricardo Hausmann, geboren in Venezuela und einer der weltweit führenden Wirtschaftswissenschaftler, spricht aus, was viele seiner Landsleute denken. An US-Außenminister Marco Rubio gerichtet, schreibt Hausmann auf X: „Sie haben gerade jegliches Vertrauen verloren, das die Venezolaner je in Sie hatten. Und es wird Sie heimsuchen. Sie haben sich entschieden, die Macht der USA einzusetzen, nicht um die Venezolaner zu befreien, sondern um mit unseren Unterdrückern ins Bett zu gehen.“
Gemeint ist damit der spektakuläre Öl-Deal zwischen Washington und Caracas. Er soll den Vereinigten Staaten die Kontrolle über rund 20 Prozent der Ölvorkommen im ölreichsten Land der Erde garantieren. Volkswirtschaftlich ist das für die USA in Zeiten geopolitischer Unruhen ein echter Coup. Moralisch gesehen aber ist das Vorgehen der Trump-Administration eine politische Niedertracht. Hausmann spricht von einem „Vermögensraub“ und einem „verfassungswidrigen Deal mit einer illegitimen unterdrückerischen Regierung“. Die USA haben ihre Führungsrolle nicht genutzt, um zuerst die verfassungsmäßige Ordnung und Demokratie in Venezuela wiederherzustellen und dann mit einer legitimen Regierung zu verhandeln, die zu gegebener Zeit glaubwürdige langfristige Verpflichtungen hätte eingehen können.
Die venezolanische Opposition, die auf einen demokratischen Übergang gehofft hatte, ist vor den Kopf gestoßen. Wieder einmal. Der mit Abstand populärste Politikerin des Landes, Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, wird bis heute die Rückkehr nach Venezuela verweigert. Sie wird es inzwischen bereuen, Trump ihre Nobelpreismedaille geschenkt zu haben. Von Neuwahlen sprechen weder der Machtapparat um Rodriguez noch Marco Rubio und Donald Trump. Hausmann wirft Rubio vor, die Rückkehr Machados und Neuwahlen gezielt sabotiert zu haben.
Die große Gewinnerin heißt Delcy Rodríguez, die lange Jahre die Nummer zwei hinter dem Machthaber Maduro war. Das Erdöl bleibe Venezuelas Eigentum, versicherte sie, nachdem Donald Trump die amerikanische Kontrolle über einen Großteil der Reserven verkündet hatte. Und die sozialistische Regierungspartei PUSV in Caracas stellte sich „geschlossen hinter Kameradin Delcy Rodríguez“. Ihrem Regime soll der Deal Milliarden in die Kasse spülen.
Immer mehr in Erklärungsnot geraten ob dieses Deals die Politiker aus Trumps republikanischer Partei in der Exil-Venezolaner-Hochburg, dem US-Bundesstaat Florida. Dort ist aus Enttäuschung längst Wut geworden. Die Kongress-Abgeordnete Maria Elvira Salazar versuchte sich in einem Eiertanz, löschte einen ersten kritischen Post und kommentierte dann: Der Deal sei für beide Völker ein guter Handel, aber „Delcy ist die falsche Person, um diesen Deal zu machen“. Die US-Regierung dürfte dieser Einwand wenig interessieren: Sie setzt allein auf das große Geschäft.
