Stuttgart

Der Traum vom Traumurlaub

Diese Woche hatte ganz Deutschland Ferien. Doch viele schieben Frust in der schönsten Zeit des Jahres.

Urlaubsstimmung, wohin man blickt: In dieser sich zu Ende neigenden ersten Augustwoche haben tatsächlich alle 16 Bundesländer in Deutschland gleichzeitig Sommerferien gehabt. Und auch für Menschen ohne schulpflichtige Kinder gilt: Im August ist man gerne unterwegs. In kaum einem anderen Monat lockt die Ferne so verführerisch. Es ist eine herrliche Zeit. Eigentlich.

Tatsächlich aber scheint gerade diese Zeit vielen Menschen schwerer zu fallen als der graue Alltag. Es erfreuen sich gerade Ratgeber großer Beliebtheit, die nicht etwa erklären, welche Sehenswürdigkeiten es am Ort der Wahl gibt. Nein, immer häufiger geht es inzwischen darum, wie man den Urlaub wirklich rundum genießen und möglichst schnell abschalten kann. Da wird diskutiert, welche Urlaubslänge die optimale Erholung garantiert, und es wird erörtert, wie groß der Anteil des reinen Faulenzens im Verhältnis zu Aktivitäten sein sollte. Wir suchen eine Anleitung, um die perfekte Zeit zu erleben.

Die schönsten und wertvollsten Tage des Jahres stehen inzwischen unter erheblichem Erfolgsdruck. Schließlich will man es ja mindestens genauso gut haben wie die Leute, die mit großartigen Bildern von großartigen Erlebnissen in großartiger Umgebung erzählen und diese eifrig auf Instagram verbreiten. Der Urlaub muss etwas leisten. Er soll Beziehungen kitten, Jugenderlebnisse wachrütteln, tiefe Entspannung vermitteln, voller Erlebnisse sein und ganz ohne Streit auskommen. Er soll wunderbare Erinnerungen schaffen, große Gefühle. An seinem Ende dann müssen wir so erholt sein, dass wir mehr arbeiten können.

Die Erwartungen an die Ferien liegen derart hoch, dass die Realität sie unmöglich erfüllen kann. Jeder träumt den Traum vom Traumurlaub. Jeder weiß, dass Träume nur selten in Erfüllung gehen, egal wie gut die Ratgeber sind. Schließlich sind wir auch im Urlaub immer noch wir selbst, nur eben in anderer Umgebung und mit mehr Zeit, um darüber nachzudenken, warum diese Auszeit vom Job und allen Verpflichtungen schon wieder nicht so perfekt verläuft, wie man es sich erträumt hat. Wir fliegen um die halbe Welt, ohne uns selbst zu entkommen.

Die gute Nachricht lautet, dass es allen so ergeht. Gesprochen wird darüber wenig. Doch wer reist schon gerne Tausende Kilometer, zahlt sehr viel Geld für Unterkunft und Verpflegung, um dann zuzugeben, dass es „ganz in Ordnung“ war oder sogar schlimmer? Mögen auch die Betten zu klein gewesen sein, die anderen Touristen furchtbar nervig, die Temperaturen höher als erträglich, die Klimaanlage defekt, der Strand überlaufen und das Essen ziemlich bescheiden. Egal. Die Ferien waren trotzdem großartig, ja fabelhaft! Zumindest im Nachgang lassen wir uns die Urlaubsfreude keinesfalls nehmen.

Der wohlhabende Teil der Menschheit hat das Leistungsprinzip gründlich in die Erholung eingebaut. Das Recht, nach seinem individuellen Glück zu streben, ist schon in der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankert. Der Urlaub ist der jährlich wiederkehrende Versuch, dieses Glück zu finden und die jährliche Erfahrung, dass Glück sehr flüchtig ist.

Zufriedenheit wäre wichtiger, weil sie dauerhafter ist. Sie ist das bessere Lebensgefühl, sie macht uns zu besseren Menschen – und man kann sie sich sogar antrainieren. Die Zeit zwischen den Urlauben wiegt schwerer als der Urlaub selbst – oder sollte sie zumindest, denn die Ferien sind ja nur ein paar freie Tage im Jahr. Womöglich verbringen zufriedene Menschen sogar den besseren Urlaub. Doch haben Sie schon mal über Ihren Urlaub gesagt: „Ich war ganz zufrieden“? Nein? Eben.

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