Stuttgart

„Der Sparkurs trifft uns ins Mark“

In der Region Stuttgart und im Südwesten wird viel über die Rettung per Hubschrauber diskutiert. Krystian Pracz, CEO der DRF Luftrettung, über die Lage.

Stuttgart/Filderstadt - Die DRF Luftrettung mit Sitz in Filderstadt (Landkreis Esslingen) ist neben der ADAC Luftrettung einer der beiden großen deutschen Anbieter bei Notfalleinsätzen und Krankentransporten in der Luft. Die Branche befindet sich genauso wie das Gesundheitswesen insgesamt im Umbruch. Die Herausforderungen sind enorm. Wie geht es weiter – auch in der Region Stuttgart und in Baden-Württemberg? Darüber haben wir mit Krystian Pracz, dem Vorsitzenden der DRF-Geschäftsführung, gesprochen.

Herr Pracz, auf Bundesebene laufen große Reformvorhaben in der Gesundheitspolitik. Viele Betroffene wehren sich dagegen. Auch die Luftretter. Welche Herausforderungen gibt es?

Die angedachten massiven Änderungen stellen uns vor große Herausforderungen. Eine Krankenhausreform findet ja derzeit bereits eher ungeplant statt – es gibt wirtschaftliche Probleme, Häuser schließen. In Zukunft wird es noch mehr Zentralisierung und Schließungen geben. Die Wege für die Rettungsdienste werden dadurch länger. Deshalb steigt die Bedeutung der Luftrettung. Auf diese Veränderungen müssen wir uns einstellen. Es gibt heute schon Regionen, in denen Ärzte und andere medizinische Versorgung fehlen.

Das kostet Geld. Aber auch da sind Veränderungen geplant.

Der vorgesehene Sparkurs des Bundesgesundheitsministeriums stellt für uns ein großes Problem dar. Er trifft die Notfallversorgung ins Mark. Die Gelder für die Luftrettung sollen strikt gedeckelt werden, sodass steigende Kosten nicht erstattet werden und somit ein finanzielles Defizit entsteht. Das steht im Widerspruch zu den Erwartungen, die dieselbe Politik an uns stellt. Nur ein Beispiel: Die DRF Luftrettung braucht im Jahr sechs bis sieben Millionen Liter Kerosin. Die Preise haben sich durch den Iran-Krieg aber zeitweise verdoppelt. Da reden wir schnell von Zusatzkosten in Höhe von mehreren Millionen Euro, die nach heutiger Lesart aber nicht automatisch ausgeglichen werden können. Außerdem werden durch die aktuellen Kriege auch die Zulieferer teurer, weil beim Militär eine hohe Nachfrage besteht. Und unsere Beschäftigten sind ausschließlich Experten ihres Fachs. Da kommt man nicht mit der Bindung an die Grundlohnrate aller Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen hin.

Können Sie die Löcher nicht anderweitig stopfen?

Wir sind als Unternehmen gemeinnützig und rein kostendeckend tätig. Wie sollen wir da Erträge erwirtschaften, die steigende Kosten kompensieren? Wir verhandeln unsere Flugminutenpreise immer anhand nachweisbarer Kosten. Wir erfüllen eine hoheitliche Aufgabe, haben aber mit den nun im Rahmen der Reform angedachten Veränderungen eine wackelige Finanzierung.

Wo könnte man sparen?

Nicht an der Qualität oder den Standorten. Helfen würde, einige bürokratische Regeln abzubauen. Beispielsweise sind die Notärzte bei uns mittels Arbeitnehmerüberlassung von den Kliniken im Einsatz. Spätestens nach 18 Monaten müssen wir sie austauschen. Es würde mehrere Millionen Euro im Jahr sparen, wenn wir die Ärzte direkt anstellen könnten. Dann aber gäbe es Probleme mit dem Arbeitszeitgesetz. Vieles ist einfach für die Notfallrettung nicht passend. Das haben wir auch mehrfach an die Politik adressiert. Bei der Notwendigkeit zu sparen darf die Funktionalität der Luftrettung nicht auf der Strecke bleiben. Wir diskutieren die Notfallrettung immer nur aus Kostengesichtspunkten. Die Folgekosten verringern sich aber enorm, wenn ein Patient sofort richtig notfallmedizinisch versorgt wird und schnell in das geeignete Krankenhaus kommt. Ein Tag weniger auf der Intensivstation spart mehrere Tausend Euro ein.

Sie betreiben in Baden-Württemberg fast alle Luftrettungsstationen. Gemäß einem Gutachten des Innenministeriums soll sich die Zahl der Stationen von acht auf zehn erhöhen, einige Stationen werden zudem verlegt. Wie schätzen Sie die Lage im Land ein?

Weiße Flecken auf der Landkarte sollen künftig besser abgedeckt werden, außerdem der Randzeitenbetrieb ausgedehnt und die 24-Stunden-Kapazitäten erhöht werden. Wir kennen allerdings noch nicht die Auswirkungen der Krankenhausreform. Es wird künftig weniger Häuser geben. Die Frage ist, ob die Kapazitäten reichen werden, um die Versorgung zu gewährleisten. Da muss es noch mal eine Überprüfung geben. Klar ist, dass die Luftrettung gerade im Schwarzwald und den anderen Mittelgebirgen sowie im ländlichen Raum an Bedeutung gewinnen wird.

In Leonberg gibt es große Aufregung, weil die Station nach Tübingen umziehen soll. Der Hubschrauber Christoph 41 ist dort seit 40 Jahren stationiert. Wie geht es dort weiter?

Es gibt dafür noch keinen Zeitplan. Leonberg ist derTraditionsstandort der DRF Luftrettung. Der Wegzug schmerzt. Es geht aber um die bestmögliche Abdeckung des gesamten Bundeslandes. Da ist Emotion nicht der richtige Ratgeber. Wir entscheiden das aber nicht, sondern das Innenministerium. Wir werden uns neu bewerben müssen – so, wie wir das für alle neu ausgeschriebenen Standorte in Baden-Württemberg tun. Wir sind da zuversichtlich, denn wir wissen, was wir zu bieten haben. Die enormen Anforderungen bei den Ausschreibungen sind allerdings eine große Belastung.

Ist zu befürchten, dass die Stuttgarter Region in Zukunft schlechter aus der Luft versorgt wird?

Wir haben in der Region eine gute Krankenhauslandschaft. Ich sehe keine Ansatzpunkte dafür, dass große Lücken entstehen. Die Distanzen und Flugzeiten sind auch aus Tübingen so, dass das funktioniert. Außerdem sollen die Einsatzzeiten von Christoph 51 in Pattonville, dem zweiten Hubschrauber in der Region Stuttgart, erweitert werden. Dort läuft der Genehmigungsprozess, der sehr formal ist.

In Leonberg will man den Hubschrauber nicht verlieren, in Pattonville keine zusätzlichen Flüge. Ist das nicht paradox?

Wir können die Sorge der Leute in Pattonville in Bezug auf eine höhere Lärmbelastung verstehen, aber die Ausweitung der Einsatzbereitschaft ist alternativlos. In Ballungsräumen hat jeder irgendeinen Preis zu zahlen, wenn die Versorgung stimmen soll. Und man darf da auch nicht Extreme befürchten: Wir fliegen nachts ja nicht zig Mal. Die Luftrettung ist ein Spagat – in jeder Hinsicht.

Krystian Pracz

Geboren 1968
in Ratibor/Oberschlesien

1986 bis 1994
Sanitäter beim Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland

1988 bis 1997
Studium der Mathematik und Physik an der Universität Köln, Lehre und Forschung am Institut für theoretische Physik sowie am Institut für vegetative Physiologie, Promotion

1998 bis 2017
Führungsrollen in international agierenden Unternehmen

Seit 2011
Lehrbeauftragung an der Universität Köln mit Schwerpunkten Internationales Management, Unternehmensentwicklung sowie Restrukturierung

Seit 2017
Chef der DRF Luftrettung

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