Stuttgart - Michael Kienzle sagt, er freue sich jedes Mal an den beiden Bäumen, wenn er am Marienplatz sei. Dass die beiden rund hundertjährigen Platanen heute noch vor oder nahe dem Kaiserbau stehen, ist auch ihm zu verdanken. Michael Kienzle saß von 1984 bis 2014 für die Grünen im Gemeinderat, und er hat damals, vor einem Vierteljahrhundert, die uralten ahornblättrigen Platanen gerettet.
Mehr als 50 Bäume sind für den Umbau abgeholzt worden
Anfang der 2000er Jahre wurde der Marienplatz in Stuttgart-Süd umgebaut. Vergleicht man den Platz heute mit dem, der er vor dem Umbau war, könnte der Unterschied kaum größer sein. Aus einem bewaldeten Marienplatz ist eine Freifläche mit Baumhalbkreis drumherum geworden. Eine Folge: Auf dem beliebten Platz ist es im Hier und Jetzt an Hitzetagen kaum noch auszuhalten. Ironischerweise wurde die Debatte im Jahr 2003 geführt, abgesehen vom aktuellen der letzte krasse Rekordsommer in Deutschland. Man stelle sich vor, die Platanen wären heute weg – Michael Kienzle könnte nicht so entspannt hier im Café sitzen. Die Stadt und der Marienplatz glühen an diesem Nachmittag. Er nennt die Bäume „Kühlmaschinen“. Im Zuge der Neugestaltung hieß es, die Platanen müssten weg. Damit man den denkmalgeschützten Kaiserbau besser sehe. Etwas mehr als 50 Bäume auf dem Marienplatz sind für den Umbau abgeholzt worden. „Wenigstens die beiden mussten stehen bleiben“, erzählt er. Eine Bürgerinitiative sammelte 2000 Unterschriften.
Michael Kienzle konnte sich durchsetzen
Vor Michael Kienzle liegt ein auf Papier geklebtes Pappelblatt. Er hat den Vorgang in einer Mappe aufbewahrt. Sicher auch, weil er geglückt ist. Sie seien einer der wenigen dauerhaften Erfolge seiner kommunalpolitischen Zeit, sagt er. Sie konnten sich durchsetzen gegen das Argument, die uralten Bäume störten das geplante Bild.
Heute dürften ihm dafür viele dankbar sein. Ohne zu wissen, dass der weißhaarige Herr mit dem Papierstoß neben ihnen im Café vor 25 Jahren für diese Riesen gekämpft hat. „Eine gute Aufenthaltsqualität geht eigentlich nur mit Bäumen“, sagt er.
Die Rosskastanien, die im Halbkreis um den Marienplatz stehen, sind inzwischen stattlich. Doch das war nicht immer so. Es habe damals geheißen, sie bräuchten um die 20 Jahre, bis sie ein geschlossenes Blätterdach bilden. Stimmt, inzwischen spenden sie ausreichend Schatten. An den Rändern.

