Von Sonntag an spielen sie wieder. Mit einem großen Theaterfest melden sich die Stuttgarter Staatstheater aus den Sommerferien zurück. Im Schauspielhaus hat Harald Schmidt gleich mal wieder ausverkauftes Haus. Schon seit Wochen sind hinter und vor den Kulissen, in Werkstätten und in den Foyers rund 1500 Mitarbeitende damit beschäftigt, bis Mitte Oktober fünf große Premieren vorzubereiten. Ein neuer Generalmusikdirektor probt für sein Antrittskonzert mit dem Staatsorchester. Im JOiN freut sich ein junges Völkchen auf die erste After-Work-Lounge. Und das Ballett packt schon die Kisten für eine Gastspielreise nach Australien. Stuttgarter Autosterne mögen in Übersee gerade Ladenhüter sein. Stuttgarter Tanzsterne sind dagegen heiß begehrt.
Während die Theaterleute also ihre Arbeit und damit in Stadt und Region ein so großes Publikum erreichen wie schon lang nicht mehr, sorgen die beiden Träger der Häuser, Land und Stadt, für Krise und Chaos. Seit geschlagenen 27 Jahren steht dringender Sanierungsbedarf am Stuttgarter Opernhaus in den amtlichen Protokollen und ist seitdem von Jahr zu Jahr naturgemäß gewachsen. Seit rund 15 Jahren treibt man im politischen Schneckentempo ein Umbaukonzept voran, das den weit über hundert Jahre alten Bau – einen der schönsten, den diese Stadt zu bieten hat – als Theaterbau erhält und ausrüstet für weitere hundert Jahre. Dies alles beruht auf manchen großen Worten und einem gemeinsamen politischen Grundsatzbeschluss von Stadt und Land.
Doch angesichts inzwischen desolat leerer öffentlicher Kassen und auf der Suche nach einem möglichst symbolträchtigen Opfer für die Spardebatte hat die CDU im Landtag und im Rathaus nun das Opernhaus ins Visier genommen: Zurück auf Los! Noch mal alles wieder in Frage stellen! Da müssen jetzt erst mal richtige Experten drauf schauen! Und bis diese in ein oder zwei oder drei Jahren zu einem Urteil gekommen sind, bewegt sich gar nichts!
Die Wirtschaftskrise des Landes und die erschreckenden Löcher in den öffentlichen Haushalten kann niemand in Abrede stellen . Deswegen ist es im Kern auch zwingend, alle öffentlichen Ausgaben auf ihre Notwendigkeit hin zu überprüfen. Im Falle des Stuttgarter Opernhauses hat das Niveau der Debatte allerdings ein über Strecken armseliges Niveau erreicht. Der Ruf nach neuerlichen Expertenrunden suggeriert, die bisherige Planung habe ohne Experten stattgefunden und sei im Grunde nur eine Wunschliste ruhmsüchtiger Theaterintendanten. Alles, was per Interview oder Pressemitteilung gerade als Neuigkeit verbreitet wird – Neubau statt Umbau, Sanierung bei laufendem Betrieb, Oper und Tanz als Tourneebetrieb; ach, und reicht nicht im Grunde ein bisschen Verputzen und frisch Streichen? –, ist bereits jahrelang erwogen worden. Grüne und CDU haben es über all die zurückliegenden finanziell guten Jahre schlicht kulturpolitisch vergeigt. Sie haben da versagt. Und wie immer in solchen Fällen zeigt man dann mit dem Finger auf andere.
Wer für all das nichts kann, das sind die Theaterleute, vor und hinter den Kulissen, auf der Bühne, in den Werkstätten, in den Foyers. Die politisch Verantwortlichen in Stadt und Land könnten, nein: müssten eigentlich stolz sein auf die Arbeit, die hier geleistet wird. Auf diesen wunderbaren Ort am Eckensee, an dem sich unsere Gesellschaft trifft, an dem sie Gemeinsames erlebt; ein Ort des Austausches, der Debatte, des Vergnügens, der Bildung. All das, was Kunst und Kultur eben leisten – und das in einer Qualität und mit einem Glanz, der weit ausstrahlt, über die ganze Region. Demnächst sogar bis Australien. Auch die Kulturpolitik sollte sich solches Niveau nicht grundsätzlich versagen.
