Stuttgart

Der Kessel kocht: Rad-Spektakel begeistert Tausende

Stäffele, Stunts und Zigtausende Zuschauer: Das Red-Bull-Radrennen Cerro Abajo hat Stuttgart für ein Wochenende als Sportstadt in den internationalen Fokus gerückt.

  • Die Radler fliegen über die Etzelstraße.Foto: Bartek Wolinski/Red Bull Content Pool

    Die Radler fliegen über die Etzelstraße.Foto: Bartek Wolinski/Red Bull Content Pool

Stuttgart - Es ist Familiensache. Hals und Kopf riskierend, auf zwei Rädern mit 70 Sachen auf Wegen zu fahren, die eigentlich nicht zu fahren sind; wer so was macht wie beim Cerro Abajo, der kennt sich. Oder er ist verwandt. Paul Molloy steht am Sonntagmorgen oben beim Teehaus, schaut zu beim letzten Training. Man kommt ins Gespräch, er erzählt, Sohn Harry und Schwiegertochter Veronika Widmann seien beide beim Rennen dabei. Und er selbst ist nicht ganz unschuldig daran. Sei er doch der erste Urban-Downhill-Biker im Vereinigten Königreich gewesen und hat selbst Rennen veranstaltet.

Keines so wie das Cerro Abajo, versteht sich, eine Rennserie für deren Finanzierung man viele, viele Energiedrinks verkaufen muss. Damit der Absatz nicht abreißt, wirbt Red Bull gerne mit Trendsport, und organisiert Veranstaltungen wie das rasante Bergabfahren in Städten. Was in Valparaiso in Chile begann, in Guanajato in Mexiko und in Genua in Italien stattfand, ist nun erstmals in Deutschland angekommen. Auch weil Red Bull alles zahlt. Und die Stadt Stuttgart kein Geld beisteuern muss. Das kann man kaum ablehnen, auch wenn der österreichische Getränke- und Lifestyle-Verkäufer sein Logo überall zwischen dem Start am Teehaus und dem Ziel am Wilhelmsplatz hinpappte. Das ist dann halt der Deal.

Dafür transportierten die produzierten Videos und Bilder eine ziemlich coole Stadt. Erstmals hat man auch in Kolumbien, Mexiko, Brasilien, USA oder England von den Stäfflele gehört. Den über die ging es 130 Meter abwärts. Eine Passage hieß Stäfflele Drop.

Gebaut haben die Strecke Olly Watkins und Christian Fairclough. Vor einem Jahr schon haben sie angefangen, sich umzuschauen. Und hielten es zunächst für unmöglich. Nicht wegen der Topografie. Sondern der Bürokratie wegen. „Wir waren ja viel in Südamerika, da geht die Strecke durch Favelas und enge Gassen“, sagt Watkins, „da fragt keiner nach einer Genehmigung“

Dass man ein ganzes Wochenende lang Straßen sperrt für ein Radrennen, das konnten sie sich nicht vorstellen. Ging dann doch. Auch wenn so mancher Autofahrer geflucht haben mag, bei der Polizei gingen keine Beschwerden ein. Auch beim Vorbereiten, beim Planen, bei Ausprobieren habe man immer mal wieder Straßen gesperrt, „das war kein Problem“, staunen die beiden Briten.

Einige Auflagen gab es natürlich doch. Die historische Substanz am Teehaus und beim Marmorsaal durfte nicht beschädigt werden, und nicht einem Grashalm durfte ein Haar gekrümmt werden. Die Natur war tabu. Doch ansonsten durften sie die Stadt umbauen. Mit Schanzen und Schikanen statteten sie die 1,2 Kilometer lange Strecke aus, 130 Höhenmeter betrug der Unterschied zwischen Start und Ziel, was die 38 Männer und sechs Frauen auf bis zu 70 Stundenkilometer beschleunigen lässt. „Manchmal müssen wir sie bremsen, sonst wird es zu gefährlich“, sagte Fairclough.

Man kann es nicht anders sagen, es war ein Spektakel. Der Kessel als Hexenkessel, bereits am Samstag zum Training kamen Zehntausende. Zahlreiche Stuttgarter waren gekommen, aber auch Besucher von außerhalb fanden sich im Publikum. Die Mountainbike-Fans Tanja Stotzem und ihr Lebensgefährte etwa waren extra aus dem Münster- beziehungsweise Sauerland angereist.

Am Streckenrand stand auch der 18-jährige Hendrik aus Stuttgart. Er selbst ist im Mountainbike Verein Stuttgart aktiv. Gekommen war er mit seiner Freundin Celine, die extra aus Sachsen angereist war. Der 18-Jährige zeigte sich beeindruckt vom Event. Gleichzeitig richtete er einen Appell an die Stadt: „Ich wünsche mir, dass der Cerro Abajo nicht nur zum Vorzeigeevent wird, sondern auch etwas für die lokale Mountainbike-Szene getan wird. So können wir zeigen, wie groß die hiesige Community ist.“ Als Chance für Stuttgart sahen auch die Besucher Jochen und Christine aus Botnang den Cerro Abajo. „Es ist toll, ein Sportevent wie dieses in Stuttgart zu haben, davon sollte es mehr geben“, sagten sie.

An den Schanzen hatten sich am Sonntag die ersten Besucher bereits morgens platziert, als dann das Rennen mit der Qualifikation fürs Finale um 13 Uhr begann, war die gesamte Strecke dicht gesäumt. Am Wilhelmsplatz ging gar nichts mehr. Die Ordner machten die Eingänge dicht. Hunderte standen draußen, verteilten sich vor den Zäunen, um den Ansagern zu lauschen oder einen Blick auf die Leinwände werfen zu können. Den Verkehrsknoten zwischen Torstraße und Hauptstätterstraße erklärten die Schaulustigen kurzerhand zur Fußgängerzone. Die Lokale in der Umgebung waren gefüllt wie an einem Samstagnachmittag. Und gegen 14.45 Uhr schrieben Red Bull und die Stadt: „Die Veranstaltungsfläche ist voll ausgelastet. Wir raten von einer weiteren Anreise ab.“ Die Stuttgarter waren auf den Beinen, das Rennen trieb sie raus.

Ganz offensichtlich ging das Konzept auf, ganz im Sinne von Stuttgarts Sportbürgermeister Clemens Maier, der sich gewünscht hatte: „Red Bull Cerro Abajo macht Stuttgart national und international sichtbarer, bringt zahlreiche Gäste in unsere Stadt und ist damit eine ideale Gelegenheit, zu entdecken, wie viel Stuttgart zu bieten hat.”

Doch es ging ja nichts nur ums Stadtmarketing. Es ist ja auch ein Rennen. Bei dem es um Sekunden ging. Bei den Frauen raste Paz Gallo am schnellsten bergab, bei den Männern

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