Stuttgart

Der Beethovensaal roch noch nach frischer Farbe

Erst fremdelten die Stuttgarter mit der Liederhalle. Zu ungewöhnlich, zu modern. 70 Jahre später weiß man in der Stadt, welches Juwel der Nachkriegsmoderne dieses Konzerthaus ist.

  • Das Degerlocher Bauunternehmen Gustav Epple verantwortete den Rohbau der Stuttgarter Liederhalle in der Stadtmitte. Aus dem Unternehmensarchiv stammt dieses Foto aus dem Jahr 1956.Foto: Gustav Epple GmbH

    Das Degerlocher Bauunternehmen Gustav Epple verantwortete den Rohbau der Stuttgarter Liederhalle in der Stadtmitte. Aus dem Unternehmensarchiv stammt dieses Foto aus dem Jahr 1956.Foto: Gustav Epple GmbH

Stuttgart - Betonkasten. Musikbunker. Die Stuttgarter waren alles andere als schockverliebt, als 1955 und 1956 zwischen Seiden- und Büchsenstraße die neue Liederhalle in die Höhe wuchs. Man könne sie doch Sing-Sing nennen, schlug ein Witzbold vor. Schließlich sehe sie von außen mit ihrer Betonfassade aus wie ein Hochsicherheitstrakt und drinnen werde gesungen.

70 Jahre später weiß man ziemlich genau, welches Juwel der Nachkriegsmoderne Stuttgart da sein Eigen nennt. Architektonisch wie akustisch. Dem Größenwahn der Nazi-Architekten setzten Adolf Abel und Rolf Gutbrod zehn Jahre nach Kriegsende einen beschwingten, heiteren und hochmodernen Bau entgegen, der sich Achsen und Symmetrien konsequent verweigert. Der Stargeiger Yehudi Menuhin pries in einem Brief an Gutbrod 1958 die „hervorragende“ Akustik.

Im Herbst 1943 war die erste spätklassizistische Liederhalle von Christian Leins aus dem Jahr 1864 bei einem Luftangriff zerstört worden. Verloren auch der prachtvolle Festsaal mit seinen Rundbögen und Kassettendecken. Eigenhändig schafften die Vereinsmitglieder vom Stuttgarter Liederkranz nach Kriegsende die Trümmer beiseite und bauten einen provisorischen Probenraum. Aber die Halle wieder aufzubauen, überstieg die Möglichkeiten des Gesangvereins.

Fernsehturm, Rathaus und Liederhalle – alle in einem Jahr eröffnet

Also entschied der Gemeinderat: Die Stadt springt ein. Vom Nachbarn Bosch kaufte man noch Grund zu und begann im Januar 1955 zu bauen. 18 Monate später feierte man Eröffnung. 1956 war der Bauboom in Stuttgart auf seinem Höhepunkt: Im Februar wurde auf dem Hohen Bopser der Fernsehturm eingeweiht, im Mai hatte Oberbürgermeister Arnulf Klett sein Büro im neuen Rathaus bezogen. Ein Gefühl der Erneuerung lag über der Stadt, die im Zweiten Weltkrieg so stark zerstört worden war.

Der 29. Juli 1956 sei ein „Festtag für die ganze Stadt“, schrieb die Stuttgarter Zeitung. Nur wenige Stunden zuvor hatten die letzten Handwerker ihre Pinsel und Bohrer weggepackt, nun saßen Poliere, Maler, Zimmermänner, Schreiner und Steinmetze auf den plüschigen Zuschauersitzen und lauschten der Generalprobe von Carmina Burana. Durch den Beethovensaal zog noch der zarte Geruch nach frischer Farbe.

Der Komponist Carl Orff höchstpersönlich war da

Der Komponist Carl Orff war höchstpersönlich da und hörte sein Werk gleich zweimal. Nach der Generalprobe am Mittag waren für den Abend Stuttgarter Honoratioren geladen. Die 2000 Gäste lauschten erst Bach vom Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Karl Münchinger. Nach der Pause führte Ferdinand Leitner das Württembergische Staatsorchester, den Staatsopernchor und den Philharmonischen Chor durch Carmina Burana. OB Klett pries in seiner Rede die brandneue Konzerthalle als „Sieg über erstarrtes Altes“. Und teilte der versammelten Stadtgesellschaft dann noch mit, dass der Platz an der Liederhalle künftig „Berliner Platz“ heißen solle. Ein Bekenntnis zur Wiedervereinigung im geteilten Deutschland.

Der „wunderbar warme Ton“ fiel schon dem Premierenpublikum auf. Die Konzertsäle waren doppelt verschalt, um den Lärm der Großstadt draußen zu halten. Als die Liederhalle 1966 ihren ersten runden Geburtstag feierte, schrieb unsere Zeitung: „Jeder Besucher fühlt sich der Bühne im gleichen Maße nahe.“ Billige Plätze gibt es in der Liederhalle nicht. Betongewordene Demokratie. Was vor allem die Damen mit den sorgsam ondulierten Haaren goutiert haben dürften: Die Tiefgarage mit Platz für 200 Autos, von der man direkt ins Konzerthaus kam, ohne die Frisur Sturm oder Regen auszusetzen.

Die ganz Großen standen hier in den vergangenen 70 Jahren auf der Bühne: Benjamin Britten, Josephine Baker, Marlene Dietrich, Zarah Leander, Maria Callas, Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Joe Cocker, Jimi Hendrix, Bob Dylan, James Taylor, Anne-Sophie Mutter, Igor Levit . . . Rauschende Faschingsbälle wurden hier gefeiert. Die Politik tanzte auf dem Landespresseball.

1991 wurde das Konzerthaus um den Kongressteil erweitert und heißt seitdem „Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle“. Nicht nur waren viele entsetzt, weil der Anbau so gar nicht zu dem eleganten, seit 1987 denkmalgeschützten Hauptbau von Abel und Gutbrod passen wollte, er wurde auch sündhaft teuer. Der eigentliche Skandal kam erst nach und nach ans Licht: Das städtische Hochbauamt hatte den Millionenauftrag ohne Ausschreibung vergeben.

Datenschutz-Einstellungen