Stuttgart - Firmenintern heißt er W201, auf der Straße kennen ihn alle als 190er, viele nennen ihn auch liebevoll den Baby-Benz. Als er 1982 auf den Markt kam, markierte er eine Zeitenwende. Er war das Modell, das den Daimler für Normalbürger erschwinglich machte. Manche hielten das damals für ein Sakrileg und Anachronismus. Doch im Nachhinein war der 190er für Mercedes ein Segen. Auch junge Menschen interessierten sich plötzlich für die Marke. Der kleine Mercedes mit den geraden Formen machte Spießigkeit cool. Bei „Classics & Coffee“ am Mercedes-Benz-Museum haben sich die Anhänger des Modells am Sonntag getroffen. Viele kamen zum Flanieren, Fachsimpeln, Bewundern – und sogar zur Anbahnung eines Gebrauchtwagenkaufs. Denn der 190er, der längst im H-Kennzeichen-fähigen Alter angekommen ist, fährt und fährt und fährt.
Einst Tuner, jetzt Romatiker
Ja, damals sei er jung gewesen, sagt Thomas. Der 57-Jährige hat bei seinem schwarzen 190er die Motorhaube geöffnet und Kenner wie Laien blicken ehrfürchtig hinein. Zu sehen ist ein 5-Liter-Motor mit acht Zylindern, aufgemotzt von der Tunerfirma Schulz. Und weil das nicht genügt, hat Andreas noch einen Kompressor dazu gebaut. 300 PS, 279,6 Stundenkilometer in der Spitze, breite Reifen, das Sportlenkrad hat bereits ein Multifunktionsfeld. „Hier stehen 1000 Jahre Knast“, glaubt er. Damals in den 1980er Jahren hätten sie sich auch am Rotebühlplatz getroffen. Ein Nicken genügte, schon startete das Rennen bis zur nächsten Ampel. „Aber ziemlich bald wollte niemand mehr gegen mich fahren.“
Heute weiß er natürlich, dass so etwas streng verboten, unvernünftig und viel zu gefährlich ist. Trotzdem hat er das Auto, dass er 1999 nach einem Heckschaden abgegeben hatte, vor einem Jahr wieder zurückgekauft und restauriert. Jedes Teil wurde auseinandergenommen und wieder zusammengefügt. Dabei ist Thomas eigentlich gelernter Fahrradmechaniker. „Ich habe in den letzten Wochen nur seine Füße gesehen“, witzelt sein Bruder Andreas. Fertig wurde das Werk erst am frühen Sonntagmorgen, um 5 Uhr in der Frühe gab es noch einen Schluck Öl.
„Mein eigentliches Ziel ist aber der 7. September“, und das ist sehr romantisch. Da will Thomas seine Frau zum 30. Hochzeitstag mit eben diesem Auto abholen und zur damaligen Feiergaststätte fahren – „genauso geschmückt natürlich“. Denn der 190er war auch ihr Hochzeitsauto gewesen. „Eigentlich sollte es eine Überraschung werden.“ Aber nach 30 Jahren Ehe bekommt eine Frau so ein teures und zeitaufwändiges Projekt eben doch mit.
Der 190er von Lea Niedermeier erzählt eigentlich von einer peinlichen Niederlage. Im Jahr 2000 wollte Berlin die Olympischen Spiele veranstalten. Das Auto der 26-Jährigen Autojournalistin, die unter @leaniedermaier auf Instagram Tausende Follower versammelt, war damals Teil der Werbekampagne. Vierziert mit den Unterschriften von Show- und Sportgrößten wie Fußballstar Lothar Matthäus, Hochspringerin Ulrike Meyfahrt oder Scorpions-Sänger Klaus Meine sollten 180 der kleinen Benz-Limousinen die Kampagne durch Deutschland tragen.
Als die Bewergung gescheitert war, wurden die Fahrzeuge kleinlaut abdekoriert und gingen in den Verkauf. Ahnungslos habe sie das Auto vor vier Jahren gekauft, sagt Lea. Ein Bekannter habe sie später darauf hingewiesen, dass es sich um das damalige Sondermodell handeln dürfte. In Zusammenarbeit mit dem Mercedes-Benz-Museum konnte sie die Beklebung rekonstruieren. „So etwas taugt mir“, sagt die Bayerin. Auf dem Rücksitz liegen gelbe Berlin-Olympia-Plüschbären, die sich ebenso gut erhalten haben, wie das ganze Fahrzeug. Trotz der damaligen Enttäuschung reagierten die Menschen heute immer fröhlich, wenn sie ihr Fahrzeug sähen.
„Ein 190er geht eben fast nicht kaputt“, sagt Albrecht. Trotzdem will sich der 58-Jährige aus Sindelfingen jetzt von seinem Fahrzeug trennen. „Ich fahre einfach zu wenig.“ Weil die Vorbesitzer, ein Ehepaar mit den Geburtsjahren 1922 und 1925, das wohl ebenso handhabten, kommt das 43 Jahre alte Garagenfahrzeug gerade mal auf 40.000 Kilometer. Die Rechnung von damals hat er noch.
28.785 Mark betrug der Grundpreis. Die Farbe Astralsilber gab es zum Aufpreis von 915 Mark, das ABS war mit 2400 Mark richtig teuer, hinzu kam ein Radio-Cassettendeck für 720 Mark. Die passenden Cassetten lasse er im Handschuhfach: eine von Michael Jackson, ein One-Moment-in-time-Mix und eine einst selbst zusammengestellte von TDK.
Der 190er habe ihm immer gefallen. Man sitze darin wie in einer Sänfte, habe ein großes Lenkrad in der Hand und den aufrechtstehenden Mercedesstern im Blick, sagt Albrecht. Dennoch hoffe er, dass er bei Classics & Coffee jemanden finde, der das Auto vielleicht noch mehr liebe als er. Er hoffe auf 15.000 Euro. Damit würde sich der 190er auch als ziemlich wertbeständig erweisen. „Einige Interessenten waren schon da. Die müssen jetzt noch ihre Frau fragen.“

