Es hat schon fast etwas Tragisches, dass Jens Spahn ausgerechnet in dem Moment, in dem er einem Ideal seiner CDU – christlich, konservativ, verheiratet, Kind – so gut wie nie zuvor entsprochen hat, so weit entfernt von ihr ist wie nie zuvor. Sein Rücktritt als Fraktionschef der Union im Bundestag war unvermeidlich.
Spahn wurde in der CDU immer schon mehr respektiert als geliebt, mehr gefürchtet als gefeiert. Doch dass er sein Kind über eine Leihmutterschaft in den USA – zwar formal legal, doch in den Augen seiner Partei und auch der breiten Öffentlichkeit illegitim bekam –, das ging zu weit. Viele Fehltritte hatten ihm die Parteifreunde verziehen: das Corona-Spendenessen, den umstrittenen Kredit für eine Villa in Berlin, finanzielle Interessenskonflikte, seine Teilnahme an Treffen des Netzwerks von Tech-Milliardär und Antidemokrat Peter Thiel, rücksichtslose Profilierung auf Parteikosten. Doch dieses Thema brachte das Fass zum Überlaufen.
Mit der Vaterschaft durch die Leihmutter hatte Spahn zu viele Empörungsknöpfe der deutschen Gesellschaft mutwillig gedrückt. Er bediente den antikapitalistischen Reflex auf der linken Seite, wo die Leihmutterschaft vor allem abgelehnt wird, weil nur „die Reichen“ die Mittel haben, die austragende Mutter und die vermittelnde Organisation zu zahlen. Er bestätigte die Verachtung derer, die Politikern ohnehin eine permanente Doppelmoral unterstellen. Wahrscheinlich hat sich diese Gruppe durch Spahns Verhalten sogar noch vergrößert. Jens Spahn entsetzte viele Menschen, die ein Kind für unverkäuflich und den Körper einer Frau für unkommerzialisierbar halten und Leihmutterschaft als Menschenhandel verurteilen. Und er warf seine Partei zum Beginn der Sommerpause und kurz vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland unvorbereitet in eine Führungskrise.
Denn sein Rücktritt reißt eine Lücke auf, die Spahn gerade erst geschlossen hatte. Schließlich lief es deutlich besser in der Koalition, seitdem er in die Organisation der Politik eng eingebunden ist. Das Reformpaket vor der Sommerpause hätte es ohne Spahn vermutlich nicht gegeben. Zwar war CDU-Chef Friedrich Merz nie ein Freund Spahns, doch dessen Einsatz, seine Professionalität und seine Regierungserfahrung konnte der Kanzler hervorragend gebrauchen, um endlich voranzukommen. Wenn nach der Sommerpause die ganzen Reformprojekte durch das Parlament gebracht werden müssen, wird die Disziplin der Unionsfraktion entscheidend sein, in der das Reformwerk auf Widerstand stößt, weil es nicht weit genug geht. Spahn hätte das organisieren können: Vor seiner Vaterschaft war er parteiintern auf dem Höhepunkt der Macht. Sein Nachfolger wird es schwerer haben. Das Thema hingegen wird die Partei in den Wahlkämpfen begleiten und es wird ihr schaden.
Nach den Tagen im Gewittersturm der öffentlichen Meinung zog Merz die Konsequenzen und legte Spahn den Rücktritt nahe. Er wird dabei nur auf einen Rest-Widerstand gestoßen sein, denn öffentlich unterstützte so gut wie niemand den Fraktionsvorsitzenden. Das dröhnende Schweigen der Spitzenpolitiker aus CDU und CSU sagte mehr als jede Kritik.
Mit dem Rücktritt Spahns haben sich die Fragen der Leihmutterschaft nicht erledigt. Zuletzt schien es so, als hätte eine Form möglich sein können, bei der kein Geld fließt – und die Leihmutter etwa aus der eigenen Familie oder dem engen Freundeskreis stammen. Der Fall Spahn und die Empörung darüber dürften diesen Weg auf längere Zeit verschlossen haben. Auch das ist tragisch, zumindest für Menschen mit Kinderwunsch, die sich an hiesige Gesetze halten wollen.
