Stuttgart - Die S-Bahn Stuttgart steht vor Veränderungen: Wenn der aktuelle Vertrag zwischen dem Verband Region Stuttgart (VRS) und der Deutschen Bahn (DB) im Juni 2032 ausläuft, sind 60 der 215 S-Bahnfahrzeuge so alt, dass sie aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Der Verband, der den S-Bahnverkehr in der Region bestellt, will neue Züge anschaffen, die sich nach ersten Entwürfen deutlich von den heutigen S-Bahnen unterscheiden werden.
Die Zahl der neu zu kaufenden Züge könnte sich noch deutlich erhöhen. Das wäre der Fall, wenn der Plan des VRS nicht aufgeht. Der sieht vor, 89 Züge neueren Datums von der DB aus dem heutigen Bestand der S-Bahn Stuttgart zu übernehmen. Sollte das aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich sein, so müsste auch diese Tranche für den neuen Verkehrsvertrag durch Neufahrzeuge ersetzt werden, heißt es beim Verband.
Um zu wissen, wohin die Reise geht, hat der VRS ein Designkonzept erarbeiten lassen. Verantwortlich dafür zeichnet der Tüv Rheinland und das Unternehmen Tricon aus Kirchentellinsfurt (Landkreis Tübingen), das auch das Design für die neuen Stadtbahnen in Stuttgart entwickelt hat. Damit heutige Bahnsteige und Abstellanlagen weiterhin genutzt werden können, soll der Zug wie seine Vorgänger eine Länge von rund 68 Meter haben. Drei davon werden im Einsatz zu sogenannten Langzügen zusammengekoppelt, die der Standard im Stuttgarter Netz sind.
Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Bestehen die heutigen Bahnen aus vier Wagen, könnten es in Zukunft fünf sein. Heute stehen je Seite und Zug zwölf Türen zur Verfügung, die neuen Züge sollen nur noch zehn bieten. In der den Regionalräten vorgelegten Präsentation wird unter dem Stichwort „schneller Fahrgastwechsel“ auf „größere Türen“ hingewiesen.
Veränderungen zeichnen sich auch beim Sitzplatzangebot ab. Die heutigen S-Bahnen bieten 170 Sitzplätze an, von denen 42 Klappsitze sind. Zugunsten von mehr Freiraum reduziert sich das Sitzplanangebot auf 148, davon 32 Klappsitze. Mehr Platz gibt es hingegen für stehend Reisende: das Konzeptpapier sieht hierfür 374 Plätze vor, wo es im Bestand lediglich 330 sind. Die Gesamtkapazität erhöht sich sich von 500 auf 522 Passagiere je Bahn.
Das alles ist noch nicht in Stein gemeißelt. Das definitive Designhandbuch soll noch während des zweiten Halbjahrs vorgelegt werden. Die Überlegungen zu den neuen Bahnen ist eingebettet in die Vorbereitung zur Ausschreibung des neuen Verkehrsvertrags. Bei der Suche nach einem neuen Betreiber will die Region zweistufig vorgehen. Nun haben die Regionalräte den sogenannten Teilnahmewettbewerb eingeleitet. Daran anschließend erhalten die aus Sicht der Region in Frage kommenden Bewerber die eigentlichen Vergabeunterlagen, die allerdings erst im Laufe des Jahres 2027 von den Regionalräten abgesegnet werden sollen. Wer künftig den S-Bahnverkehr fährt, könnte dann Anfang 2028 feststehen.
Schon jetzt klar ist hingegen, dass die Region den zum Juni 2032 auslaufenden S-Bahnvertrag mit der DB bis Ende 2034 verlängern wird. Damit soll vermieden werden, dass der Inbetriebnahmezeitraum von Stuttgart 21 – nach derzeitigem Stand soll der zentrale Abschnitt des Projekts im Dezember 2031, die neue S-Bahnführung samt Station Rosenstein Mitte 2032 ans Netz gehen – zeitlich mit dem Beginn des neuen Vertrags zusammenfällt.
Einhellig lobten die Regionalräte die Vorarbeit, die die Verwaltung bis dato im Ausschreibungsprozess geleistet hat. Rainer Brandt (CDU) verknüpfte mit dem neuen Vertrag die Hoffnung, „dass wir wieder mehr Passagiere mit hohem Komfort“ befördern können. Für die Grünen nannte Michael Lateier die Neuvergabe „einen entscheidenden Schritt, die Mobilität in der Region zu stärken“. Gleichzeitig kritisierte er aber den Zustand von Gleisen, Signalen und Oberleitungen: die Infrastruktur sei „das größte Problem“. Frank Buß von den Freien Wählern ist gespannt, wie die Resonanz auf die Ausschreibung sein wird.
Gabriele Heise (FDP) wies darauf hin, dass die S-Bahn einst das Rückgrat des Nahverkehrs der Region gewesen sei. „Aber das hat mittlerweile viel Skoliose“. Michael Makurath kritisierte für die SPD-Fraktion, dass die neuen Züge 1.-Klasse-Abteile haben werden. Die sei „mit der Dubai-Schokolade in der Maultasche zu vergleichen. Die wollen auch nur ganz wenige“.

