Ein Tag im Juli. Folgende Meldungen finden sich in den Nachrichten: Ein Mann tötet seine Ehefrau mit einer Machete. Ein Berliner betäubte und vergewaltigte 58 Frauen, die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben. Das Strafmaß für einen Lehrer in Köln, der seine Schülerin im Unterricht missbrauchte und sein eigenes Baby vergewaltigte, wurde auf fünf Jahre und drei Monate Haft verlängert. Für Schutz vor Abschiebung soll ein Mitarbeiter im Karlsruher Regierungspräsidium eine Asylbewerberin zu sexuellen Handlungen gedrängt haben. Beim Angreifer am Gymnasium Schongau, der zwei Schülerinnen schwer verletzte, gehen die Ermittler von einem rechtsextremistischen, antisemitischen und frauenfeindlichen Motiv aus. Der Vorfall im Stuttgarter Einkaufszentrum Milaneo, als ein Mann wohl auf seine frühere Partnerin einstach und sie anzündete, reiht sich in diese beklagenswerte Liste ein.
Tagtäglich erleben Frauen in Deutschland Gewalt, sexuelle Gewalt, und tagtäglich sind Männer ihnen (und anderen Männern) gegenüber gewalttätig. Doch Priorität hat das Thema immer noch nicht. Ja, die Bundesregierung hat ein Gewaltschutzgesetz auf den Weg gebracht. Ja, die elektronische Fußfessel könnte einige Fälle häuslicher Gewalt verhindern. Doch sie kommt nur dann ins Spiel, wenn schon vorher etwas passiert ist.
Dass Täter nicht vor Gewalttaten zurückschrecken, kann auch an den niedrigen Strafen liegen. Wie kann es sein, dass ein Mann für eine Vergewaltigung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wird, nur weil er sich zu Prozessbeginn geständig zeigte? Dass viele Frauen Gewalttaten gegen sie nicht anzeigen, ist da kaum überraschend. Wenn hingegen konsequent mit sehr hohen Gefängnisstrafen, gegebenenfalls Sicherheitsverwahrung, verurteilt würde, könnte das einen Effekt haben. Ebenso könnte eine weitere Maßnahme sein, das Prinzip „Ja heißt Ja“ im Strafrecht zu verankern, dass sexuelle Handlungen also nur mit Zustimmung vorgenommen werden. Denn „Nein heißt Nein“ hat wenig bewirkt.
Das Thema gehört dauerhaft auf die politische Agenda. Warum ruft der Kanzler medienwirksam bei den Eltern des in Trier von einem psychisch kranken Afghanen getöteten Studenten an, aber nicht bei den Hinterbliebenen der 58-Jährigen, deren Ehemann sie mit einer Machete umbrachte, oder bei der Familie einer Frau, die von einem 20 Jahre jüngeren Mann getötet wurde – immerhin in Brilon, Merz’ Geburtsstadt? Warum macht der Kanzler den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen nicht zur Chefsache?
Doch auch die Gesellschaft scheint das Problem hinzunehmen. Wo ist der Aufschrei der Männer? Die meisten finden Gewalt gegen Frauen schrecklich, äußern Abscheu und Unverständnis – und setzen dann meistens ihren Tag fort. Vielleicht kommt noch die Aussage, dass sie selbst das niemals tun würden oder niemanden kennen, der das tun würde. Nur: Ein großer Teil der Frauen hat entweder schon selbst (sexuelle) Gewalt erlebt oder kennt eine Frau, der sie angetan wurde. Die Rechnung geht also nicht auf.
Dass sich die Gesellschaft empört, ist mehr als überfällig. Angesichts der Größe des Problems mag Mann sich hilflos vorkommen – doch es gibt genug Möglichkeiten. Sei es die Teilnahme an einer Demo oder deren Organisation. Sei es, Gespräche anzustoßen über die Sicherheit von Frauen im Alltag und über die Rolle von Einverständnis und Zustimmung in intimen Beziehungen – gerade mit Söhnen und anderen Männern. Sei es, verstörendes Verhalten im Sportverein, auf der Party, in der Firma oder am Stammtisch anzusprechen. Jeder Mann, der nicht in einer Gesellschaft leben will, in der ein großer Teil der Mitmenschen Angst vor Männern hat, kann etwas tun.
