Stuttgart

Das Fest, das aus der Asche kam

Das Volksfest ist älter als Dirndl, Bierzelte und Boxautos – seine Wurzeln liegen in einer Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt.

Stuttgart - Die Geschichte des Cannstatter Volksfests, sie beginnt 12.000 Kilometer von Stuttgart entfernt. Auf der Insel Sumbawa, die heute zu Indonesien gehört, bricht im Jahr 1815 ein Vulkan aus. Der Tambora spuckt tonnenweise Gestein, Asche und Staub aus. Tausende Menschen sterben. Der Jetstream bringt die Staubteilchen bis nach Europa. Auch in ein kleines Königreich, das ohnehin nicht besonders wohlhabend ist: Württemberg.

Die Asche verdunkelt die Sonne, die Temperaturen stürzen ab. Der Winter 1815/16 in Württemberg ist der kälteste, seit es Wetteraufzeichnungen gibt. 1816 geht als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein: Regen, Hagel und Gewitter sorgen für Missernten. Die Kartoffeln verfaulen auf den Äckern, die Heuernte fällt aus. Die Menschen hungern, viele entscheiden sich, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

 

1818: Das erste „Landwirthschaftliche Fest zu Kannstadt“

Das frisch gekrönte Königspaar Wilhelm I. und Katharina sieht die Not der württembergischen Bevölkerung – und reagiert: Die russische Zarentochter greift auch in ihre Privatschatulle, um zu helfen. Der Württembergische Wohltätigkeitsverein wird gegründet, Arbeitslose werden in Jobs in der Landwirtschaft vermittelt. In Hohenheim entsteht die „landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt“, aus der später die Universität Hohenheim hervorgeht. Nie wieder sollen schlechte Sommer bei der Ernte für Komplettausfälle sorgen.

    Als die größte Not gelindert ist, die Scheunen wieder voll sind, stiften König Wilhelm und Königin Katharina 1818 das „Landwirthschaftliche Fest zu Kannstadt“ – Erntedankfest und Agrarmesse in einem. Einen Tag nach Wilhelms Geburtstag strömen die Massen auf den Cannstatter Wasen. 30.000 Menschen, so hat es der Brauchtumsexperte Wulf Wager in historischen Dokumenten gelesen, sehen „unterhaltende Abwechslungen“ wie Pferderennen, Fischerstechen oder Viehprämierungen. Das Königspaar lobt aus seinem Privatvermögen Preise für den schönsten Kaltblüter oder den kräftigsten Ochsen aus.

In den folgenden Jahren kommen immer mehr Händler zum Landwirtschaftlichen Hauptfest nach Cannstatt. Sie verkaufen Sauerkraut, Würste und Süßigkeiten, Schausteller unterhalten die Besucher mit Wurfbuden, Flohzirkus oder Seiltanznummern, präsentieren effekthascherisch den dicksten Mann oder die stärkste Frau der Welt. 

1857: Zar und Kaiser auf dem Cannstatter Wasen

1851 kann das Cannstatter Volksfest nicht stattfinden, weil am Wasen der Neckar über die Ufer tritt und die Zelte und Buden unter Wasser setzt. Sechs Jahre später lädt Wilhelm I. den russischen Zar Alexander II. und den französischen Kaiser Napoleon III. auf den Wasen ein. Es ist ein erster, vorsichtiger Versuch einer Annäherung der beiden Herrscher, deren Länder sich ein Jahr zuvor im Krimkrieg bekämpft hatten. Nach dem Wasenbesuch feiern sie in Wilhelms prächtigem Privatgarten, der Wilhelma, weiter.

Wilhelms Sohn Karl ist nicht so feierfreudig wie sein Vater. 1882 ergeht auf seinen Befehl der Erlass, dass das Cannstatter Volksfest nur noch alle zwei Jahre stattfindet. Das bleibt bis zu Karls Tod im Jahr 1891 so.

1909 kann man auf dem Cannstatter Wasen zum ersten Mal Achterbahn fahren. Während des Ersten Weltkriegs werden keine Volksfeste gefeiert. In den Jahren der Weimarer Republik kehrt der Rummel auf den Wasen zurück – allerdings ohne Fruchtsäule, die als „monarchistisches Überbleibsel“ verschmäht wird. 

1934: Das erste Frühlingsfest

Als Adolf Hitlers Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird auch das Cannstatter Volksfest instrumentalisiert. Nur fünf Mal findet es in der Nazizeit statt. 1934 bekommt das Volksfest eine „kleine Schwester“: Zum ersten Mal wird im April das Frühlingsfest gefeiert – „im Sinn und Geist des Nationalsozialismus“, wie es in einem zeitgenössischen Bericht der Schaustellerzeitung „Komet“ heißt.

Im Spätsommer 1939 werden auf dem Wasen schon die ersten Zelte und Fahrgeschäfte aufgebaut, als der deutsche Überfall auf Polen am 1. September den Zweiten Weltkrieg auslöst. Das Fest wird abgesagt. Bis 1945 sieht der Wasen viele Nazi-Aufmärsche und Propagandaveranstaltungen. In der Nachkriegszeit nimmt die Wasenseeligkeit erst nur zögerlich wieder an Fahrt auf. Die ersten Rummel werden noch bescheiden „Herbstfest“ genannt. Doch bald floriert dank deutschem Wirtschaftswunder auch das Geschäft auf dem Wasen wieder: 1953 kehrt die Fruchtsäule zurück, Schwarz-Weiß-Fotos aus dieser Zeit zeigen junge Männer, die in lässiger James-Dean-Attitüde am Boxauto die Lage checken. Große Schaustellerdynastien wie die Weebers und die Kinzlers bauen immer aufregendere Fahrgeschäfte auf. Und bei Wulle im Zelt werden sogar ganze Ochsen am Spieß gebraten.

Das erste Fass sticht Oberbürgermeister Arnulf Klett an, der dabei in seinem Element ist, Witze und Selbstgereimtes vorträgt. Auch sein Nachfolger Manfred Rommel hat für den Fassanstich immer ein paar flotte Bonmots in petto. 

2007: Das Cannstatter Volksfest wird länger

Dirndl und Lederhosen halten auf dem Wasen übrigens erst in den späten 1990er Jahren Einzug. Davor feiert man in Zivil. Der Wasenwirt Hans-Peter Grandl kennt die Tracht aus München und sagt seinen Gästen: Auch wenn mein Zelt voll ist – wenn ihr Tracht anzieht, kommt ihr trotzdem rein. 2007 wird das Volksfest noch einmal verlängert – es beginnt nun schon freitags. Seither kann 17 Tage lang mit den inzwischen rund 4,2 Millionen Besucherinnen und Besuchern (so viele waren es 2025) gut verdient werden. Acht Festzelte gibt es inzwischen. Das Münchner Oktoberfest mag größer und noch besser besucht sein, aber in Stuttgart rühmt man sich, Schauplatz des größten Schaustellerfests der Welt zu sein.

Der Fixpunkt im Trubel: Die Fruchtsäule. Aber selbst sie bleibt nicht gleich. In diesem Jahr hat ein neues Modell das alte abgelöst – nach 53 Jahren.

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