Stuttgart - Es ist ein offenes Geheimnis. Seit Jahren trifft sich die queere Cruising-Szene im Wald unterhalb des Fernsehturms. Im Schutz des Unterholzes suchen die Beteiligten dort nach spontanem und einvernehmlichem Sex. Das gefällt nicht jedem und verursacht immer wieder Diskussionen. Doch seit im Jahr 2021 unter Beteiligung der Stadt und des Polizeipräsidiums der Informationsflyer „Cruising mit Respekt“ veröffentlicht worden ist, gilt das betroffene Areal als schützenswerter Raum. Damit verbunden: eine Duldung der Szene und – soweit nötig – auch deren Schutz.
Doch jetzt herrscht große Aufregung. Die Szene fühlt sich gleich von mehreren Seiten unter Druck gesetzt. Zum einen, berichten Cruiser, rode die Stadt dort immer wieder in übertriebenem Maße das Unterholz. So beseitige sie die notwendige Diskretion und erhöhe die Gefahr, beobachtet zu werden und damit andere Nutzer des Waldes zu stören. Zudem kontrolliere der städtische Vollzugsdienst immer wieder auch am späten Abend sogar abseits der Hauptwege. „Man will uns loswerden“, sagt ein Mann aus Stuttgart. Und vermutet, das könne auch damit zu tun haben, dass der Fernsehturm ein Kandidat für die Unesco-Welterbeliste ist.
Für enorme Verunsicherung sorgen jedoch auch regelmäßige körperliche Übergriffe. Dabei hat die Polizei jüngst einen Erfolg vermeldet. Der Staatsschutz hat Ende Juli die Wohnungen von fünf Verdächtigen durchsucht. Die Männer im Alter zwischen 20 und 45 Jahren sollen sowohl in Degerloch als auch auf zwei Autobahnparkplätzen an der A 81 seit Juni 2025 mit Quads die queeren Cruiser geradezu gejagt, geschlagen und mit Feuerlöschern besprüht haben. Derzeit laufen die Ermittlungen, die Verdächtigen befinden sich auf freiem Fuß. Zehn Männer sind bei den insgesamt acht Fällen verletzt worden. „Vier Übergriffe sollen in Degerloch und vier weitere auf den Autobahnparkplätzen stattgefunden haben“, sagt Stefanie Ruben, Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Das Motiv der Täter sei nach ersten Erkenntnissen, so ein Polizeisprecher, eindeutig Homophobie, also der Hass auf nicht-heterosexuelle Menschen. Dafür spreche auch, dass bisher keinerlei Übergriffe auf heterosexuelle Cruiser bekannt seien. Deren Treffpunkt liegt in der Nähe der Wildparkstraße.
Missverständnisse und Misstrauen
Bei der Stuttgarter Polizei geht man davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, „weil die Geschädigten aus Scham oftmals keine Anzeige erstatten wollen“. Die Szene sei der Polizei gegenüber sehr verschlossen. Man erhoffe sich im Zuge der aktuellen Ermittlungen neue Erkenntnisse über weitere Taten.
Nun heißt es in der Szene, dass nicht nur Scham ein Thema sei. Nach Kontrollen auch durch die städtische Ordnungsbehörde seien die Beteiligten extrem verunsichert. „Viele gehen davon aus, dass Stadt und Polizei uns loswerden wollen“, sagt ein Mann. Es gebe viele Missverständnisse und großes Misstrauen. Deshalb zeigten zahlreiche Betroffene Übergriffe nicht an. Das müsse sich dringend ändern. Denn ein geschützter Raum sei zwingend notwendig – viele der Cruiser führten öffentlich ein Leben, in dem sie ihren queeren Hintergrund verborgen halten müssten.
Einhellig berichten Mitglieder der Szene, dass die Quad-Gruppe nur die Spitze des Eisbergs sei. Alle schätzen, dass mindestens drei bis vier verschiedene Gruppen im Wald unterwegs seien, und das auch schon deutlich länger. Es würden Steine und Eier geworfen, es setze Schläge, zeitweise suchten die Täter sogar mit Autos auf den Wegen nach Opfern. Auch nach den Durchsuchungen im Juli habe es bereits wieder Vorfälle gegeben. „Seit der Pandemie ist die Stimmung uns gegenüber umgeschlagen, das ist völlig enthemmt“, berichtet ein Mann.
Einer der Cruiser hat jetzt einen offenen Brief an Oberbürgermeister Frank Nopper geschrieben. Er protestiert darin unter anderem gegen „forstwirtschaftliche Rodungen“, die den Sichtschutz beseitigten. Der Schutzraum sei „zunichte gemacht“. Die Gefahr durch homophobe Hassübergriffe steige dadurch. Er fordert die Stadt auf, „alle ordnungsrechtlichen und forstwirtschaftlichen Verdrängungsmaßnahmen am Fernsehturm unverzüglich einzustellen“.
Stadt weist Vorwürfe zurück
Bei der Stadt weist man die These zurück, man wolle die Cruiser aus dem Degerlocher Wald vertreiben. „Die Vorwürfe sind für die Verwaltung nicht nachvollziehbar“, sagt ein Sprecher. Aufgabe der Stadt sei der Interessenausgleich. „So gibt es seit Jahren ausführliche Gespräche mit der Szene, in denen wir unser Handeln nachvollziehbar machen“, sagt der Sprecher.
Es stimme, dass der städtische Vollzugsdienst derzeit „verstärkt auf der Waldau unterwegs ist“. Allerdings um die Einhaltung des Grillverbots zu überwachen. Was die Maßnahmen des Forstamts betreffe, sei festzuhalten: „Rund um den Fernsehturm gab es auf wenigen Flächen zuletzt im Dezember 2025 Waldpflegemaßnahmen mit geringer Eingriffsstärke. Die Eingriffe haben zum Ziel, klimaresiliente Baumarten zu fördern, indem konkurrierende Nachbarbäume entnommen werden“, sagt der Sprecher. Wirkungen auf die Besucher des Waldes seien „nicht beabsichtigt“.
Bei der Stadt weist man allerdings auch darauf hin, dass die Cruiser-Szene rund um den Fernsehturm nicht allein ist. „Die Waldau ist ein Sportzentrum im Grünen und damit ein Naherholungsgebiet. Im Bereich des Fernsehturms finden sich viele Familien und Erholungssuchende. Auch deren Interessen sind zu berücksichtigen“, sagt der Sprecher. „So erreichen uns immer wieder Hinweise auf Hinterlassenschaften biologischer und synthetischer Art. Auch diesen Beschwerden gehen wir nach.“
Das Verhältnis zwischen Cruisern und Behörden dürfte also zunächst angespannt bleiben. Immerhin kündigt die Stadt an, auf die Verunsicherung reagieren zu wollen: „In den nächsten Wochen werden wir verstärkt den Austausch zur Cruising-Szene suchen.“

