Stuttgart

Chinas unbeachtetes Netzwerk

Im Ringen um die globale Macht ist für Xi Jinping das Treffen mit US-Präsident Trump nicht das wichtigste.

  • US-Präsident Trump mit Xi Jinping bei seinem Besuch in China in diesem Jahr.Foto: Maxim Shemetov/Pool Reuters/AP/dpa

    US-Präsident Trump mit Xi Jinping bei seinem Besuch in China in diesem Jahr.Foto: Maxim Shemetov/Pool Reuters/AP/dpa

Stuttgart - Die Augen der Welt richten sich auf das Weiße Haus in Washington. Hunderte Fotos dokumentieren, wie sich US-Präsident Donald Trump und sein chinesischer Kollege Xi Jinping die Hand geben. Denn schließlich gilt es zu reportieren, ob es eine Annäherung gibt im persönlichen Verhältnis der beiden Staatenlenker. Oder ob sie gar in einem der umstrittenen Punkte etwa in Handelsfragen, bei der Künstlichen Intelligenz oder bei Sicherheitsthemen aufeinanderzugehen. Doch mindestens ebenso wichtig sind die Reisen, die Xi Jinping im Vorfeld unternommen hat. Da hat nur kaum jemand so genau hingeschaut. Das ist ein Fehler.

Xi Jinping ist kein Reiseweltmeister. Am liebsten bleibt der chinesische Staats- und Parteichef zu Hause in Zhongnanhai, dem Sitz der Kommunistischen Partei. Doch alleine in diesem Monat ist Xi schon drei Mal in einen Flieger ins Ausland gestiegen. Er hat Kirgistan besucht, in Indien Hallo gesagt und Ägypten bereist – allesamt Länder, die für die chinesische Politik von entscheidender Bedeutung sind. Diese Politik zielt darauf ab, sich ein Netzwerk von Verbündeten zu schaffen. Im Fokus der westlichen Aufmerksamkeit stehen stets die Beziehungen zu Russland und Nordkorea, weil sie sich so offensichtlich gegen den Westen richten. Wichtiger wäre, das große Ganze in den Blick zu nehmen. Es geht um eine Vielzahl an Staaten, die China sich gewogen macht: in Zentralasien, Nordafrika, Lateinamerika. Mit dieser Taktik hat Peking zusehends Erfolg.

Als US-Außenminister Marco Rubio jüngst durch Südamerika reiste und eine Reihe von Ländern besuchte, deren Regierungen der USA grundsätzlich positiv gegenüber stehen, verlief der Trip nicht störungsfrei. China hat in Kolumbien, in Ecuador und vor allem in Peru massiv investiert – und daran wollen die dortigen Staatschefs auch nicht durch einen herbeigeeilten US‑Minister rütteln lassen. Das wiederum traf auf den Unwillen des Gastes aus Washington, der im als Hinterhof der USA empfundenen Gebiet wenig chinesischen Einfluss haben möchte.

China hat erkannt, dass das aktuelle Ringen um die Weltherrschaft nicht allein durch Konfrontation mit dem Kontrahenten USA entschieden werden wird. Vietnam, Kenia, Brasilien und viele andere Staaten werden eine immer wichtigere Rolle spielen. Sie alle werden umgarnt und umworben. Anders als der aktuelle US-Präsident fährt China dabei in den meisten Fällen keine harte Sanktions- oder Zoll-Politik, um die Staaten zu etwas zu bringen, was Peking genehm ist. Es gibt von chinesischer Seite kein Entweder-oder, kein Wir-oder-die. Suggeriert wird eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Viele Länder, die zunächst unter dem Kolonialsystem litten und sich dann durch die westliche Dominanz benachteiligt sahen, schätzen Respekt ohne erhobenen Zeigefinger. Entsprechend fliegen etwa die chinesische und die ägyptische Luftwaffe gemeinsame Probeeinsätze, ohne dass China Ägypten dazu drängt, seine Partnerschaft mit den USA zu überdenken. Gleichzeitig wird der Handel intensiviert – und zwar unter Ausschluss des US-Dollars.

Apropos Dollar: Während der Westen davon spricht, Abhängigkeiten von China abzubauen, befreit sich Peking seinerseits von Zwängen. Der ehemals größte Gläubiger der USA trennt sich Schritt für Schritt von US-Anleihen. Japan und bald auch Großbritannien halten mehr US-Anleihen als China. Das ist langfristig kein gutes Zeichen. Werden die ökonomischen Verbindungen kleiner, sinken die Kosten einer Konfrontation, und machen diese wahrscheinlicher. Da ist es ganz egal, ob nach dem Handschlag im Weißen Haus eine kurzfristige Art der Zusammenarbeit ausgerufen wird oder nicht.

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