Stuttgart

Bald weniger als 600.000 Stuttgarter?

Die Einwohnerbilanz für das erste Halbjahr 2026 fällt erneut ernüchternd aus. Zum Stichtag 30. Juni hatten 603.262 Menschen hier ihren Hauptwohnsitz, 2401 weniger als zu Jahresbeginn. Viele packen den Umzugswagen, der Neubau von Wohnungen ist auf einem Tiefstand.

  • Viele Stuttgarter genießen diesen Blick auf ihre Stadt, etliche wollen aber auch etwas anders sehen und ziehen weg.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

    Viele Stuttgarter genießen diesen Blick auf ihre Stadt, etliche wollen aber auch etwas anders sehen und ziehen weg.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Jeder vierte Einwohner der Landeshauptstadt würde diese gern verlassen. Dieses wenig schmeichelhafte Ergebnis hatte die Stadtverwaltung 2025 in einer Umfrage zur gefühlten Lebensqualität festgestellt. Zehn Prozent der mehr als 4000 Befragten sagten damals, dass sie lieber woanders in Deutschland ihre Zelte aufschlagen würden, sechs weitere Prozent zieht es ins Ausland, acht ins Umland.

Viele reden nicht nur vom Wegzug, sie packen den Umzugswagen: Von Januar bis Ende Juni 2026 haben im Saldo tatsächlich 2401 Einwohner die Stadt verlassen. Bald könnten eine historische Marke fallen.

Die aktuelle Einwohnerfortschreibung nennt für Stuttgart zum Stichtag 30. Juni 603.262 Menschen, die hier ihren Hauptwohnsitz haben, das sind 2401 weniger als zu Jahresbeginn. „Damit schrumpft die Stadtbevölkerung bereits das sechste Halbjahr in Folge. Der Rückgang fällt erneut fast so kräftig aus wie im ersten Halbjahr 2025, als ein Minus von 2652 Personen zu verzeichnen war“, sagt Mathias Fatke, der Leiter des Statistischen Amts.

Neue Einwohner-Prognosen für 2040

Im Jahr 2024 hatte die Stadt ihre Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2040 aktualisiert. Zuvor galt das Zieljahr 2030, die Prognosen hatten sich aber als nicht mehr passgenau erwiesen.

Die Einwohnerzahlen rangierten 2024 tatsächlich „deutlich unter dem Wert der letzten Vorausberechnung, da die Höhe der Zuwanderung in der Stadt hinter den getroffenen Annahmen zurückblieb“, schrieb Sachgebietsleiterin Attina Mäding. Dieser Befund gilt weiterhin.

Wanderungsbilanz deutlich im Minus

Ausschlaggebend für den neuerlichen Rückgang ist wieder der negative Wanderungssaldo – also die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen. Im ersten Halbjahr 2026 lag er bei minus 2.040 Personen. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2025 waren es minus 2.235, ein Jahr zuvor lediglich minus 150. Hinter der Entwicklung stehen laut Fatke vor allem die stark rückläufigen Zuzüge: Ihre Zahl sank von rund 22.000 im Vergleichszeitraum 2023 auf nunmehr rund 17.800.

Einen Wanderungsgewinn erzielte die Landeshauptstadt nur noch im Austausch mit dem übrigen Baden-Württemberg. An andere Bundesländer, an das direkte Umland und an das Ausland verlor Stuttgart dagegen Bevölkerung.

Wanderungsverlust bei der Bevölkerungsentwicklung weitet sich aus

In ihrer Modellierung der Bevölkerungsentwicklung haben die Statistiker bis 2040 drei Zuzugsszenarien betrachtet: höherer Auslandszuzug würde bis 2040 zu etwa 635.000 Einwohnern führen, moderater Zuzug auf der Basis der Jahre 2017-2019 zu rund 620.000 Einwohnern, niedriger Zuzug wie 2022/2023 zu rund 602.000 Einwohnern. Allerdings ging man beim niedrigen Zuzug bei entsprechendem Wohnungsangebot (Neubauten) in der Stadt nur von einem Wanderungssaldo von minus 600 Personen pro Jahr aus. Ohne entsprechende Neubautätigkeit sollte die die Zahl bei minus 1500 liegen. Sie ist nun weit überschritten.

Wohnungsbau als Hemmnis

Tatsächlich hat der Neubau von Wohnungen in Stuttgart 2025 den niedrigsten Stand seit 1985 erreicht. Nur 661 neue Wohnungen wurden fertiggestellt. Fast exakt halb so viele wie 2024 (1321). Der Nettozuwachs (Abbrüche abgezogen) betrage sogar nur 558 Einheiten. Noch nie seit 1987 gab es so wenige neue Gebäude und so wenig neue Wohnfläche (55.700 Quadratmeter). In die Einwohnerberechnung bis 2040 flossen übrigens Neubauflächen aus dem Bahnprojekt Stuttgart 21 ein. Inzwischen weiß keiner, wann genau diese angegangen werden können.

Saldo der Auslandsbilanz negativ

Bereits im ersten Halbjahr 2025 war die Wanderungsbilanz mit dem Ausland ins Minus gerutscht, erstmals seit 2021. Dieser Trend hat sich laut Statistikamt verstärkt: Im ersten Halbjahr 2026 standen 4995 Zuzügen 5541 Fortzügen gegenüber – ein Minus von 546 Personen (Vorjahreszeitraum: minus 85). Bei der Vorausberechnung bis 2040 war selbst in der Variante mit niedrigem Zuzug kein negativer Wanderungssaldo mit dem Ausland angenommen worden.

Ein Plus nur aus Baden-Württemberg

Der Wanderungssaldo mit dem Land Baden-Württemberg ohne die Region Stuttgart fiel mit einem Plus von 423 Personen wieder etwas höher aus als im ersten Halbjahr 2025 (plus 183). Vom Niveau des Jahres 2024 (plus 1012) ist er allerdings weiterhin deutlich entfernt. Gegenüber den Umlandkreisen gab Stuttgart auch im ersten Halbjahr dieses Jahres Bevölkerung ab, per Saldo 1299 Personen. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 1742 gewesen.

Weniger Geburten und Sterbefälle

Im ersten Halbjahr 2026 wurden 2537 Neugeborene und 2898 Sterbefälle registriert. Das ergibt eine Saldo von minus 361 Personen. Die Zahl der Geburten ging weiter zurück. Weil es gleichzeitig weniger Sterbefälle gab, fiel das Geburtendefizit kleiner aus als bis Juni 2025 (minus 417).

Ausländeranteil sinkt

Zum Stichtag 30. Juni lag der Anteil ausländischer Staatsangehöriger an der Bevölkerung bei 27,9 Prozent. Sowohl die absolute Zahl der ausländischen Einwohnerinnen und Einwohner als auch ihr prozentualer Anteil sind damit gegenüber Ende 2025 (28,1 Prozent) weiter gesunken. Während die Zahl der deutschen Bevölkerung lediglich um 232 Personen abnahm, verringerte sich die Zahl der Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit um 2169. Es gab auch hier mit 119 Personen einen negativen Wanderungssaldo. Außerdem nahmen im ersten Halbjahr 2082 Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit die deutsche Staatsbürgerschaft an (2025: 1756).

Voraussetzungen für Wachstum fehlen

In seiner Vorausberechnung bis 2040, die, betonte das Amt, keine Vorhersage sein soll, fiel die Einwohnerzahl in keinem Szenario unter 600.000. Die Unterschreitung dieser Marke scheint nun allerdings bald möglich. Grundvoraussetzung für Wachstum sei „eine weiterhin wirtschaftlich gute Lage, eine anhaltend hohe Nachfrage nach Arbeitskräften und ein ausreichendes, bezahlbares Wohnungsangebot“, heißt es in der Vorausberechnung. All diese Faktoren fehlen. Zuletzt hatte Stuttgart im September 2015 die Marke von 600.000 Einwohnern unterschritten. Im zweiten Halbjahr 2026 könnten die Zahlen aber etwas besser als im ersten ausfallen. Unter normalen Bedingungen kämen im September und Oktober wegen des Semesterbeginns und dem Beginn des Ausbildungsjahres die meisten Menschen nach Stuttgart, weiß das Amt.

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