Stuttgart

Atemlos in den Stau: Parken auf dem Wasen verbieten?

Konzerte und Fußballspiele bringen Tausende Menschen auf einmal nach Bad Cannstatt. Die Folge sind volle Straßen in Stuttgart. Umweltschützer fordern Maßnahmen.

  • Bei Großveranstaltungen wie dem Konzert von Helene Fischer bilden sich rund um den Neckarpark regelmäßig lange Staus.Foto: Rosar, Lichtgut (2)

    Bei Großveranstaltungen wie dem Konzert von Helene Fischer bilden sich rund um den Neckarpark regelmäßig lange Staus.Foto: Rosar, Lichtgut (2)

Stuttgart - Großveranstaltungen im Neckarpark bringen den Verkehr in Stuttgart regelmäßig ins Stocken: Beim vergangenen Helene-Fischer-Konzert in der MHP-Arena waren die Parkplätze 7, 9 und 10 mit 7200 Autos und zwölf Bussen belegt. Aneinandergereiht ergäbe das eine Schlange von mehr als 50 Kilometern – gerechnet mit etwa drei Metern Abstand zum Vordermann. „In Bewegung ist der Platzbedarf noch größer“, teilt die Integrierte Verkehrsleitzentrale (IVLZ) mit.

Rechnerisch hätte man vier Fahrstreifen benötigt, um alle Helene-Fans zügig innerhalb einer Stunde auf die Parkplätze zu bekommen. „Dazu darf aber keine Ampel auf der Strecke vorhanden sein, kein weiterer Verkehrsteilnehmer auf der gleichen Strecke fahren und kein Einparkvorgang den Fluss behindern“, teilt die IVLZ mit. In der Praxis unrealistisch, da sich unter anderem viele Besucher auch zu Fuß vom Bahnhof Bad Cannstatt in Richtung Stadion aufmachten.

Daran wird deutlich, welche Verkehrsmengen vor und nach einem solchen Konzert innerhalb von zwei Stunden rund um den Neckarpark bewältigt werden müssen. Viele Besucher reisen in kurzer Zeit an, sodass sich die Situation mit Parkleitsystem, angepassten Signalprogrammen und Verkehrslenkung nur begrenzt entzerren lasse.

Fällt eine Großveranstaltung in die Hauptverkehrszeit, gerät das Straßennetz in Bad Cannstatt und Stuttgart-Ost an seine Grenzen. Besonders belastet sind die Zufahrten aus dem Norden über die A81, B27 und B10 sowie aus der Innenstadt über die B14 und B27. Ein weiterer Engpass auf den Bundesstraßen ist die Anschlussstelle an der Gaisburger Brücke. Auch vor und auf den Parkplätzen kann es zu Staus kommen, etwa wenn sich viele ortsfremde Besucher orientieren müssen oder die Einfahrt stockt.

Besucher mit weiter Anfahrt bevorzugen das Auto

Aus Richtung Fellbach kommt es in der Waiblinger und der Nürnberger Straße regelmäßig zu Verkehrsbehinderungen. Für Autofahrer, die von den Fildern zum Neckarpark wollen, sind die Jahnstraße, Wagenburg- und Talstraße beliebte Abkürzungen. Laut der IVLZ sollte sich der Verkehr möglichst auf die Bundesstraßen konzentrieren, zudem wird empfohlen, die Hinweise der Parkleitsysteme zu beachten. Die Stadt habe auf die Routenempfehlungen der Navigationsanbieter bislang nur begrenzten Einfluss, wolle diesen aber erhöhen.

Vor dem Auftritt von Helene Fischer, die vor einem Monat mehr als 50.000 Besucher nach Bad Cannstatt lockte, kam es im gesamten Stadtgebiet zu deutlich mehr Verkehr. Unfälle oder andere unvorhergesehene Störungen wurden jedoch nicht registriert. Um die Anreise mit dem Auto zu reduzieren, wird bei solchen Veranstaltungen in der Regel ein Kombiticket angeboten, das auch als Fahrausweis gilt. Außerdem werben Stadt und Veranstalter dafür, den öffentlichen Nahverkehr oder andere Verkehrsmittel wie das Fahrrad zu nutzen. „Gleichwohl lässt sich nicht vollständig verhindern, dass insbesondere Besucher aus größerer Entfernung mit dem eigenen Auto anreisen“, sagt ein Rathaussprecher nach Rücksprache mit dem Amt für öffentliche Ordnung. Erschwerend kommt hinzu, dass es je nach Fahrtziel nachts oft nur wenige Bahnverbindungen ins Umland gibt.

Dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sind die Staus rund um den Neckarpark ein Dorn im Auge. Thomas Baur, Sprecher des Kreisverbands Stuttgart, fordert drastische Maßnahmen. „Wenn der Veranstaltungsbeginn eine Anreise in der Hauptverkehrszeit erfordert, dürfen keine Parkplätze auf dem Wasen angeboten werden. Dann sollten die Veranstalter ihre Gäste darauf hinweisen, dass sie mit dem öffentlichen Nahverkehr oder mit dem Fahrrad anreisen.“ Zudem seien die Parkgebühren rund um den Neckarpark deutlich zu erhöhen, damit sie den Aufwand für die Verkehrslenkung abdecken und über das Kombiticket hinaus einen Anreiz bieten, die Bahn zu nutzen.

„Der unerwünschte Verkehr durch Stuttgart-Ost ist durch eine Pförtnerampel an der Geroksruhe zu unterbinden. In Bad Cannstatt muss die vorhandene Zuflussdosierung an der Beskidenstraße in dieser Zeit angepasst werden“, sagt Baur. „Hier sehen wir große Defizite bei der IVLZ, die tatenlos zusieht, wie die Stadtteile mit Verkehr überflutet werden. Falschparken ist in beiden Stadtbezirken konsequent zu ahnden.“

Doch warum finden Großveranstaltungen überhaupt unter der Woche statt, wenn die Auswirkungen auf Stuttgarts Straßen absehbar sind? Die kommenden Spiele des VfB Stuttgart in der Champions League werden von der Uefa festgelegt. Auf die Terminierung der Konzerte hat die städtische Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart keinen Einfluss. „Das sogenannte Routing, also die Tournee- und Standortplanung, ist sehr komplex“, sagt eine Sprecherin. Ziel sei es, Termine mit möglichst wenig Ruhetagen und kurzen Transportwegen zu planen. Große Produktionen seien mit 30 bis 50 Sattelschleppern unterwegs – und würden mehrere Städte in engem Zeitfenster ansteuern. „Daraus ergeben sich eben auch Termine unter der Woche und nicht nur an Freitagen oder Samstagen.“

Der Rathaussprecher merkt an, dass es im Kern keine städtische Entscheidung sei. Gleichzeitig betont er, dass solche Veranstaltungen Teil eines vielfältigen Kulturangebots einer Großstadt seien. „Sie haben auch eine große Bedeutung für die Attraktivität des Standorts Stuttgart. Breite Teile der Bürgerschaft wünschen sich solche Events und profitieren davon.“ Für viele Anwohner in Bad Cannstatt und Stuttgart-Ost sind sie aber vor allem dann ein Problem, wenn der Verkehr regelmäßig kollabiert.

Datenschutz-Einstellungen