Stuttgart - Die Sicherheitsvorkehrungen am Stuttgarter Landgericht sind hoch am Freitagvormittag. Draußen Polizei, drinnen im Gebäude gibt es eine doppelte Einlasskontrolle mit Ausweispflicht, bis man sich schließlich in Saal fünf befindet. Dort drängen sich die Zuschauer, viele von ihnen jung und männlich. Das wird sich später noch bemerkbar machen.
Auch vorn geht es eng zu. Zwei Angeklagte, mehrere Rechtsanwälte, zwei Dolmetscher für die Familien im Zuschauerraum, Vertreter der Jugendgerichtshilfe – zwischendurch gehen die Stühle aus. Es ist der Auftakt zu einem Verfahren, das Licht in beunruhigende Vorfälle bringen soll.
In Weilimdorf hat es zuletzt mehrere Straftaten mit Schusswaffen gegeben. Das wühlt die Bevölkerung auf. Anwohner beklagen, es habe sich ein Brennpunkt entwickelt. Polizei und Mobile Jugendarbeit haben ihre Präsenz verstärkt, obwohl sie das mit dem Brennpunkt nicht so sehen. Auslöser war der Fall, der nun verhandelt wird. Anfang Dezember vorigen Jahres sind mitten im Ort auf dem Spielplatz „Beim Esel“ bei der Lindenbachhalle Schüsse gefallen. Ein 16-Jähriger wurde durch einen Bauchdurchschuss lebensgefährlich verletzt. Zwei Gruppen mit insgesamt rund 15 Menschen sollen an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen sein. Sowohl Täter als auch Opfer flohen. Videos zeigten, wie der 16-Jährige von einem Begleiter huckepack weggetragen wird.
Wenige Tage später gab es Razzien in Gerlingen und Feuerbach. Dabei wurden Tatverdächtig festgenommen, der eine 18, der andere wie das Opfer erst 16 Jahre alt. Sie sitzen seither in Untersuchungshaft in unterschiedlichen Gefängnissen.
Am Freitag werden sie in Handschließen aus der Haft vorgeführt. Die Staatsanwaltschaft verliest die Anklageschrift. Darin wird den beiden heute 17 und 18 Jahre alten Angeklagten versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Anstiftung hierzu vorgeworfen.
Täter und Opfer flüchten
Demnach soll es zwischen zwei Gruppen junger Leute einen „bisher unklaren“ Konflikt gegeben haben. Eine Weilimdorfer Gruppe, der die beiden Angeklagten zugerechnet werden, soll am späten Abend des 6. Dezember auf dem Spielplatz auf die andere Gruppe gewartet haben. Als die erschien, soll der 18-Jährige den Jüngeren mit den Worten „Knall die ab!“ zum Schießen aufgefordert haben. Der Jüngere soll daraufhin eine Schusswaffe gezogen und zweimal gefeuert haben. Ein Schuss traf das Opfer im Bauchbereich. Der 16-Jährige konnte später durch eine Not-OP gerettet werden. „Das Opfer sackte sofort schreiend zusammen“, so die Staatsanwaltschaft. Die Täter seien daraufhin geflüchtet.
Die Angeklagten könnten Licht in die Sache bringen, auch in die Hintergründe. Doch sie schweigen zum Prozessauftakt. „Zum jetzigen Zeitpunkt“ machten die beiden deutschen Staatsangehörigen mit türkisch-kurdischem Hintergrund keine Angaben zur Person und zur Sache, lassen sie über ihre Rechtsanwälte ausrichten. Dafür wird es am Ende der kurzen Auftaktsitzung im Publikum laut: Eine Gruppe junger Männer brüllt mit erhobenen Armen Parolen auf Türkisch in Richtung der Angeklagten, die mit einem Lächeln reagieren. Der Prozess ist bisher mit 15 Terminen bis Mitte Oktober angesetzt. An einem der nächsten Verhandlungstage soll das Opfer gehört werden, das als Nebenkläger auftritt. Vielleicht entsteht dann ein Bild davon, was sich am 6. Dezember mitten in Weilimdorf abgespielt hat.

