Endlich Sommerferien! So denken nicht nur viele Schüler, sondern selbst, das darf als gesichert gelten, weite Teile des Kultusministeriums – inklusive Chefetage. Nahezu schlagartig, hört man, ebbt die Flut an Mails ab. Der Aktenlauf wird langsamer. Vielleicht kann auch Andreas Jung (CDU), der neue Minister, mal durchschnaufen. Elf Wochen ist es her, dass der Jurist das Schulressort von den Grünen übernommen hat. Jung war die Überraschung im Kabinett. Keiner hatte den über Parteigrenzen hinweg beliebten Umwelt- und Klimapolitiker vom Bodensee auf der Rechnung. Mehr als 20 Jahre saß Jung im Bundestag. Warum genau er von Berlin nach Stuttgart gewechselt ist, dazu gibt es verschiedene Theorien.
Fest steht, er ist in einem Wespennest gelandet. In keinem anderen Landesministerium gibt es so viel Aufregung, Argwohn und Ärger. Keines wird so genau von der Öffentlichkeit beobachtet, nirgends herrscht so hoher Lobby-Druck. Zum Start musste Jung der Beschneidung seines Reichs zuschauen. Es wurden Geschäftsbereiche verschoben, Abteilungen und Referate umgruppiert. Die Koalitionsverhandlungen von Grünen und CDU hatten Absurditäten produziert. So wanderte die Zuständigkeit für Sport aus dem Kultus- ins Bauministerium. Die Verantwortung für das Thema Jugend fiel ans Sozial- und die für Religionsangelegenheiten ans Innenministerium. Letzteres führte intern sogar zu Bedenken, ob das Kultusministerium seinen Namen behalten könne oder in „Bildungsministerium“ umgetauft werden müsse.
Dazu kommen drängende Themen. Die Tinte unter den letzten Großreformen ist kaum trocken, der Streit um G9, „Kompass 4“ und Pflicht-Sprachkurse für förderbedürftige Vorschüler kaum verhallt, da treibt die Koalition neue Projekte voran. Das letzte Kita-Jahr soll verbindlich und für Eltern kostenlos werden. Das klang im Wahlkampf nach einer bildungs- wie familienpolitisch guten Idee. Doch es ist kompliziert, immer mehr Fragen tauchen auf, auch grundsätzliche. Selbst wenn Jung sie löst, dürfte die Erfüllung dieses größten und teuersten Wahlversprechens mindestens die halbe, eher die ganze Legislaturperiode kosten. Von anderen Ankündigungen wie dem Handy-Verbot an Schulen oder Gratis-Mittagessen für Brennpunkt-Grundschüler hört man wenig.
Stattdessen herrscht ständig Unruhe. So zettelte Jung gleich zwei fruchtlose Debatten an: In der ersten ging es um die Leistungskultur bei Bundesjugendspielen. Heraus kam im Grunde nichts, es blinkten nur kurz die Trigger-Knöpfe auf. In der zweiten ging es um die Ferien-Durchbezahlung von Referendaren. Jung weckte Hoffnungen, ohne sie befriedigen zu können. So brachte er sowohl Gewerkschaften als auch Teile seiner eigenen Partei gegen sich auf, ohne Erfolg.
Weiter ging es mit viel Unmut über verworrene Hitzefrei-Regeln, auf die Jung allzu einfache Antworten geben wollte, was ihn Respekt in der ordnungsliebenden und detailversessenen Kultusverwaltung kostete. Es wirkte, als stolpere ein politischer Anfänger ins Amt und nicht ein mit allen Wassern gewaschener Parlaments-Veteran.
Dann folgte ein veritabler Skandal um das Landesmedienzentrum, mit dem inzwischen Disziplinarrechtler und Staatsanwälte befasst sind, und der für Jung nur deshalb kein Problem ist, weil er vor seiner Amtszeit passierte. Und als man dachte, das war es jetzt, wurde noch eine Datenpanne beim Abi bekannt, die dazu führte, dass hundert Zeugnisse einkassiert und Notendurchschnitte korrigiert werden müssen.
Nun endlich Sommerferien – für Andreas Jung eine wichtige Atempause, die der neue Minister nutzen sollte, um Tritt zu fassen. Sechs Wochen gehen schnell vorüber.
