Schaut man Videos von der Front in der Ukraine, fühlt man sich an eine Dystopie erinnert. In einer 20 Kilometer breiten Todeszone machen unbemannte Drohnen Jagd auf alles, was sich bewegt: Lkw, Geländewagen, einzelne Soldaten. Mit dem Sirren ihrer Rotoren stürzen sie sich auf ihre Ziele und explodieren. Kaum zu sehen sind Ansammlungen von Panzern, Hubschraubern und anderem Großgerät. Genau solche Waffen jedoch hat der Bundestag zuletzt als Beschaffungsprojekte freigegeben: neue Fregatten für die Marine, Schützenpanzer fürs Heer. In den Worten mancher Experten: Altmetall . So sieht es etwa der Ökonom Moritz Schularick vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.
Denn worauf sich die Bundeswehr vorbereitet, scheint vorbeizugehen an der Kriegsrealität in der Ukraine. Aus den militärischen Auseinandersetzungen dort lässt sich vieles lernen. Als Blaupause für einen möglichen – und hoffentlich nie eintretenden – Krieg zwischen Russland und der Nato taugt er aber nicht. Wenn es nun heißt, Hunderte Milliarden Euro flössen in überholte Ausrüstung, ist das überzogen. Dennoch muss sich bei der Truppe aber noch vieles verändern.
In der Bundeswehr ist man davon überzeugt, Drohnen im Ernstfall wirkungsvoll abwehren zu können. Das würde etwa größere Operationen mit Panzern möglich machen, die manche Experten fälschlicherweise für Relikte der Vergangenheit halten. Oft wird auch übersehen, dass nicht Waffen allein entscheiden, ob Soldaten in einem Gefecht bestehen können. Vielmehr handelt es sich dabei um ein komplexes Zusammenwirken aus Ausbildung, Logistik und der Unterstützung anderer Einheiten. Das fortschrittlichste Waffensystem bleibt nutzlos, wenn es nicht richtig eingesetzt wird. Zudem sind Zukunftstechnologien in derzeitigen Beschaffungsprozessen bereits berücksichtigt: Allein 35 Milliarden Euro will die Bundeswehr bis 2030 für Weltraumprojekte ausgeben.
Die Debatte zeigt auch, dass Experten wie Schularick nicht vor plumpen Vorurteilen gefeit sind. Man werde einen 60-jährigen General nicht überzeugen können, in Robotik und Künstliche Intelligenz zu investieren, behauptet Schularick. Wer dann mit den entsprechenden Generälen spricht, stellt fest, dass sie durchaus über aktuelle technische Entwicklungen Bescheid wissen und ihre Schlüsse für die Bundeswehr ziehen. Im Mai zeigte das Heer, wie es ein Gefecht in Zukunft führen will. Dabei kamen neben traditionellen Panzern und Haubitzen etwa Beobachtungsdrohnen zum Einsatz, Kamikaze-Drohnen und ferngesteuerte Bodenfahrzeuge, die Verwundete evakuierten.
Was damals vorgeführt wurde, war indes eine Wunschvorstellung, nicht eingeübte Praxis. Das muss sich schnell ändern. Ukrainischen Drohnenpiloten gelingt es in Übungen immer wieder, westliche Armeen zu besiegen. Noch immer gibt es keine effektive Drohnenabwehr für die Bodentruppen, auch weil der Rüstungskonzern Rheinmetall mit der Lieferung des Flugabwehrpanzers „Skyranger“ hinterherhinkt. Die Digitalisierung des Streitkräfte-Funks ist bislang ein elf Milliarden Euro teurer Schlamassel. Diese Lücken müssen geschlossen werden.
Richtig liegen Experten wie Schularick mit der Forderung, dass Deutschland seine Produktionskapazitäten ausbauen muss. Die Aufrüstung der Bundeswehr geht nicht schnell genug. Zwar wurden in den vergangenen Jahren viele Aufträge erteilt, aber in der Truppe ist bislang wenig angekommen. Müssten im Kriegsfall Verluste ersetzt werden, käme man erst recht nicht hinterher.
Die Zukunft der Bundeswehr lautet nicht Drohnen statt Panzer, sondern Drohnen und Panzer. Derzeit hat die Truppe von beidem nicht genug.
