Stuttgart - Mit weißer Farbe beschmierte Stolpersteine in der Arminstraße unweit des Marienplatzes im Stuttgarter Süden – ein aufmerksamer Leser, Nils Westerhaus, hat unsere Redaktion am Donnerstag auf diesen Vorfall aufmerksam gemacht und Fotos geschickt. Seinen Beobachtungen zufolge wurden acht der neun zwischen den Hausnummern 11 und 39 im Trottoir verlegten Stolpersteine mutmaßlich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch beschmiert. „Am Dienstag waren sie noch unversehrt“, berichtete der in der Nähe wohnende Geschichtslehrer.
Vor 15 Jahren wurde schon einmal ein Gedenkstein beschädigt
Vermutlich hätten Bewohner inzwischen versucht, die Messingoberflächen zu reinigen. Die Spuren der Farbattacke sind jedoch noch klar zu erkennen. Westerhaus, der bis vergangenes Jahr Geschichte in einer Schule in Hamburg unterrichtete und nun als Lehrer in Heilbronn arbeitet, äußerte Betroffenheit: „In Zeiten zunehmenden Drucks von Rechts auf unsere Erinnerungskultur ist dies ein schlimmes Zeichen.“
Das sehen auch die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen so, auf deren Initiative hin seit 2003 in Stuttgart 1077 Stolpersteine für NS-Opfer verlegt worden sind. „Glücklicherweise kommt so etwas extrem selten vor“, erklärten die Koordinatoren der 16 Stuttgarter Stolperstein-Initiativen, Ute Hechtfischer und Werner Schmidt, am Donnerstag auf Anfrage. Vor 15 Jahren sei ein Gedenkstein in Vaihingen beschädigt worden sowie im November 2023 eine von einem Künstler gestaltete Tafel am frühen Wohnhaus von Sigmunde Friedmann in der Hohenstaufenstraße 17 A. Damals habe man Anzeige erstattet.
Auch im aktuellen Fall schalten die Stolperstein-Aktiven die Polizei ein. „Da ein antisemitischer Hintergrund nicht auszuschließen ist, habe ich namens der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Süd, Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet“, erklärte Schmidt am Freitag. Als „positives Zeichen“ wertet Hechtfischer es, dass Menschen versucht hätten, die Steine wieder zu säubern.
Beschmiert wurden die Gedenksteine für das Ehepaar Benno (1881-1941) und Lucie Bieringer (1891-1941), die nach ihrer Deportation vom Inneren Nordbahnhof in Stuttgart nach Riga von den Nazis ermordet wurden. Außerdem die Gedenksteine für Senta Meyer, geborene Stern (1903-1941), und für ihre vier Kinder Gertrud-Dina (1922-1942), Lore-Mina, (1924-1942), Fritz-Jacob (1927-1942) und Ilse-Sophie (1930-1942).
Senta Meyer und ihre vier Kinder wurden von den Nazis ermordet
Das Haus Nummer 11 war von den Nazis als „Judenhaus“ bestimmt worden. Auch Senta Meyer und vier Kinder waren unter den rund 1000 Juden aus Württemberg und Hohenzollern am 1. Dezember 1941 nach Riga deportierten Juden. Am 26. März 1942 wurden sie zusammen mit rund 1500 anderen Menschen im Wald von Bikernieki bei Riga erschossen. Der Ehemann und Vater, Albert Meyer, war 1934 in Stuttgart verstorben.
Betroffen ist auch der Stolperstein für Richard Schwarz, der 1912 in Stuttgart geboren und am 5. Dezember 1940 zusammen mit weiteren 55 Patienten der Heilanstalt Christophsbad in Weissenau in der Tötungsanstalt Schloss Grafeneck vergast wurde. Den Stolperstein hatten Schüler des Max Born-Gymnasiums in Backnang gespendet.

