Stuttgart - Was die Lederhose auf dem Cannstatter Wasen ist, ist das weiße langärmlige Hemd auf dem Weindorf. Es bringt die vom bisher heißen Sommer gebräunte Haut besonders zur Geltung. Die Sonnenbrille steckt über dem obersten Hemdknopf – und schon ist das Weindorf-Outfit perfekt. So lässt es sich bei angenehmen spätsommerlichen Temperaturen am ersten Weindorf-Wochenende in Stuttgart aushalten.
„Das ist die perfekte Zeit“, sagt Martin Lambe, der mit seiner Frau Susanne und Sohn Moritz jedes Jahr zum Weindorf kommt. Nach einem Spaziergang durch die Stadt trinken sie einen weißen Burgunder in der Winzerlaube am Weinbrunnen. „Früher sahen die Lauben auf dem Weindorf oft sehr altbacken aus.“ Jetzt sei das Fest deutlich moderner geworden. „Luftig, nicht zu eng, hier sitzt man gut“, sagt Susanne Lambe.
Die Laube, in der sie sitzen, sorgt in diesem Jahr für gehörig Gesprächsstoff. Denn die Winzerlaube am Weinbrunnen bietet eine mehr als 1000 Euro teure 15-Liter-Weinflasche an. Die Familie kann mit dem Angebot allerdings wenig anfangen. „Wir sind heute nur zu dritt, das schaffen wir nicht“, sagt der Sohn scherzhaft. Sie bleiben lieber bei einem Glas weißem Burgunder.
Auch eine Freundesgruppe aus Stuttgart hat von dem teuren, edlen Tropfen gehört. „Das ist nichts für uns“, lautet die einhellige Meinung am Tisch. „Was ist, wenn der uns gar nicht schmeckt? Dann hast du den ja erst einmal an der Backe“, sagt eine junge Frau aus der Gruppe. Sie wollen sich über den Abend hinweg lieber durch die verschiedenen Weine probieren, die es auf dem Weindorf gibt, und starten mit einer Flasche Rosé. Etwa 100 Euro pro Person werde man wohl ausgeben, prognostiziert einer.
Die Gruppe kennt sich seit vielen Jahren, einige haben zusammen studiert, und gemeinsam gehen sie seit Jahren aufs Weindorf. Fabian aus Frankfurt ist erst zum zweiten Mal dabei und blickt ein wenig neidisch auf das Fest in Stuttgart. „So ein großes Weinfest haben wir nicht in Frankfurt.“
Währenddessen fängt sich das Weindorf an zu füllen. Am frühen Abend wird es zunehmend schwieriger, freie Plätze in den Lauben zu finden. Kellner tragen volle Tabletts durch die Reihen, beladen mit deftigen Spätzle und leichten Salaten. Ein Akustik-Quartett aus Gitarre, Geige, Akkordeon und Kontrabass spielt zwischen den Lauben. Ein Mitarbeiter unterbricht die Musik, als er leere Körbe auf einem Wagen mit lautem Rattern durch die Straße schiebt. Hier und da ist ein „Zum Wohle“ zu hören, gefolgt vom anschließenden Klirren der Weingläser.
Doch nicht in alle Gläser schenken die Winzer Wein ein. Ingrid Schneider und Jürgen Rothfuß haben sich zum Abschluss ihres persönlichen Weindorf-Abends für einen Erdbeer-Spritz entschieden. Den haben sie beim Herumspazieren durch das Weindorf entdeckt. „Das hat uns angemacht“, sagt Ingrid Schneider. Seit 30 Jahren kommen sie zum Weindorf und sind extra aus Göppingen hergefahren. Sie sind bereits seit dem Mittag auf dem Weindorf. „Wir vermeiden es, so spät zu kommen“, sagen sie und fahren am frühen Abend wieder mit dem Zug zurück, bevor es richtig voll werden wird. Wenn man sich in den schmalen Straßen zwischen Rathaus und Schillerplatz dann nur noch trabend und schleichend fortbewegen kann, werden sie bereits zu Hause sein.
