Stuttgart

Wenn Kirchen Museen werden

Der Kölner Dom kostet jetzt Eintrittsgeld. Sakrileg oder ein Preis des Massentourismus?

  • Wer nicht zum Beten kommt, muss zwölf Euro Eintritt bezahlen, um den Kölner Dom von innen zu bewundern.Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

    Wer nicht zum Beten kommt, muss zwölf Euro Eintritt bezahlen, um den Kölner Dom von innen zu bewundern.Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Stuttgart - Wie hält es die Kirche mit der Bibel? „Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus“, mahnt Jesus im Johannes-Evangelium. Doch die Kommerzialisierung sakraler Gebäude ist längst im Gange. Vielerorts wird beim Besuch einer Kirche Eintritt verlangt – jetzt auch im Kölner Dom. Zwölf Euro müssen jene bezahlen, die nicht bloß zum Beten kommen. Wird das katholische Gotteshaus damit zum Museum mit Kassenhäuschen?

Es gibt handfeste Gründe für ein Eintrittsgeld: Der Kölner Dom ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Deutschlands. Ihn wollen viermal so viel Menschen sehen wie das Schloss Neuschwanstein: sechs Millionen jährlich. Die Domtouristen verursachen gewaltige Kosten – für Wachpersonal, Putzdienst und Instandhaltung. Die Kirche wäre damit finanziell überfordert.

Die Kommerzialisierung des Dombesuchs ist nicht vorrangig den Hausherren anzulasten – auch wenn der Kirchgang damit zum Geschäft wird. Den Ungeist tragen jene in den Dom, die hineintrampeln und ihn als eine Art Filmkulisse missbrauchen: als Hintergrundmotiv für Selfies und Schnappschüsse für Instagram. Manche kommen gar mit Rollschuhen. Andere würden bei der Besichtigungstour gerne rauchen. Wieder andere erklimmen den Altar, um sich in Pose zu werfen.

Der Kölner Dom ist auch ein Opfer des Massenspektakels, das „Overtourism“ heißt – einer Vereinnahmung durch Heerscharen von Touristen. Diese scheren sich meist wenig darum, wie sehr die Ziele ihrer Trips unter ihren Heimsuchungen leiden. Häufig geht es ihnen vor allem darum, aller Welt (oder dem kleinen Teil davon, den es interessiert) zu dokumentieren, dass sie dort gewesen sind. Um die Geschichte solcher Orte, deren eigentlichen Zweck, die lokalen Gepflogenheiten oder die Bedürfnisse derer, denen nicht nur an pittoresken Oberflächlichkeiten gelegen ist, kümmern sie sich wenig.

Für die Kirche ist der Massenandrang ein Problem – so sehr sie ihn sich wünschen würde, wenn religiöse Sehnsüchte zu den vordringlichen Motiven zählten. Sie sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, ihre eigentliche Klientel, die Gläubigen, in Seitenkapellen abzudrängen. Kirchen sind eben nicht bloß Sehenswürdigkeiten, die zufällig auch zum Beten benutzt werden. Für Jesus waren Domizile wie der Kölner Dom „meines Vaters Haus“. Zudem drängt sich die Frage auf, ob es seinem Geist entspricht, Menschen auszusperren, die sich zwölf Euro für das Ticket nicht leisten können.

Andererseits wurden die Nebenkosten der enormen Popularität des Doms bisher allein von Kirchenmitgliedern und Steuerzahlern getragen, während Millionen von Touristen das Interieur des sakralen Kunstwerks gratis knipsen durften. Ist das gerecht?

Eigentlich müsste die Kirche in Zeiten eines dramatischen Mitgliederschwunds größtes Interesse daran haben, auch Menschen für ihre Botschaften, ihre Geschichte und die Faszination ihrer Kultstätten zu begeistern, denen Religion und Gott nichts sagen. Natürlich geht keiner als ungläubiger (oder andersgläubiger) Tourist in den Kölner Dom und kommt als Katholik wieder heraus.

Doch mit dem Eintrittsgeld teilt die Kirche die Besucher der sakralen Sehenswürdigkeit in Kunden und andere, die ohnehin schon (oder noch) gläubig sind. Letztere sind nur noch eine kleine Minderheit, die im Dom stiefmütterlich an den Rand des Geschehens abgedrängt wird. Wofür er geweiht war, wird damit anscheinend zur Nebensache.

Der Dom ist in dieser Hinsicht auch Denkmal aktueller Nöte der Kirche – die sich zu einer Existenzkrise auswachsen könnten. Davor würden sie dann auch die Ticketeinnahmen nicht bewahren.

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