Stuttgart

Trügerische Ruhe von Erfurt?

Während Tino Chrupalla an Rückhalt verliert, baut Co-AfD-Chefin Alice Weidel ihre Machtbasis aus.

Die AfD findet derzeit auf Bundes- wie auf Länderebene kaum eine Meinungsumfrage, die ihr nicht gefällt. Die Zustimmungswerte befinden sich in Sphären, die sie vor wenigen Jahren selbst nicht für möglich gehalten hätte. Die Mitglieder zeigen sich geschlossen, das war auch auf dem Parteitag in Erfurt sichtbar.

Im Herbst scheint der größte Preis der Parteigeschichte in Reichweite: eine Alleinregierung in Sachsen-Anhalt, vielleicht sogar in Mecklenburg-Vorpommern. Wenige Monate vor der ersten Chance auf konkrete Macht in Deutschland stand in Erfurt Geschlossenheit über allem. Doch die absehbaren Konflikte sind nur vertagt, werden unter den Teppich gekehrt.

Von entscheidender Bedeutung ist die Führungsfrage. Diese birgt besonders großes Konfliktpotenzial. Viele rechnen damit, dass die jetzt wiedergewählte Doppelspitze mit Alice Weidel und Tino Chrupalla das letzte Duo sein wird, das die AfD führt. In zwei Jahren dürfte Weidel alleine nach der Macht greifen – und dabei gute Chancen haben. Der Verlauf des Parteitags gibt ihr viel Aufwind.

Dies zeigt etwa ihr eigenes Wahlergebnis mit 81 Prozent. Chrupalla kam nur auf 70 Prozent. Vor zwei Jahren lag er noch knapp vor ihr. Doch Weidel hat in Erfurt ihre Macht unabhängig vom direkten Duell mit dem Sachsen deutlich ausgebaut. Das ihr nahe stehende Netzwerk um den Strippenzieher Sebastian Münzenmaier hat all seine Kandidaten durchbekommen und die Macht in der Parteispitze noch einmal vergrößert. Münzenmaier ist es, der die jungen „Schwiegersohn-Typen“ führt und ausbildet: Sie verkaufen radikale Inhalte hinter einer harmlos wirkenden Fassade. Als Bürgerschreck taugen sie kaum noch.

Münzenmaier dürfte Weidels Generalsekretär werden, wenn sie als Solo-Parteichefin die AfD übernimmt. Aber können ein junger Pfälzer und eine in der Schweiz lebende Frau wirklich eine Partei führen, die im Osten besonders stark ist und selbstbewusst auftritt? Auf den ersten Blick ist das schwer vorstellbar, aber das Problem dürfte für sie gar nicht so groß sein.

Weidel kommt bei den AfD-Anhängern im Osten gut an. Und sie hat sich auch den entscheidenden Funktionären angenähert. Mit Björn Höcke, den sie vor neun Jahren noch aus der Partei werfen wollte, hat sie eine professionelle Arbeitsebene gefunden. Münzenmaier spricht alle Kandidaten mit dem Thüringer Landeschef Höcke ab. Wer nicht auf der gemeinsamen Liste steht, hat in der früher mal basisdemokratischen Partei keine Chance mehr auf ein Amt. Die Gegenstimmen bei der Wahl Weidels kamen vor allem aus dem Westen, nicht aus dem Osten.

Bei der Unvereinbarkeitsliste, die eine AfD-Mitgliedschaft etwa für ehemalige NPD-Mitglieder oder Funktionäre der völkischen Identitären Bewegung (IB) formal ausschließt, ist Weidel bei einem Thema Höcke entgegengekommen, das dem Rechtsextremen schon lange ein Dorn im Auge ist.

In Wahrheit ist sie schon jetzt nur ein Papiertiger, zahlreiche Mitarbeiter in den Parlamenten kommen aus der IB. In Mecklenburg-Vorpommern wurde kürzlich ein Ex-NPD-Mann Generalsekretär. Der neue Bundesvorstand soll die Liste nun endgültig entkernen.

Und Tino Chrupalla? Sein Rückhalt schwindet, vor allem im Osten, dessen Stimme er sein soll und will. Ihm wurde übel genommen, dass er öffentlich Kritik an der Vetternwirtschaftsaffäre in Sachsen-Anhalt geübt hat. Von außen betrachtet hat er damit zwar Führungsstärke bewiesen, aber ein selbstkritischer Blick auf die Beutegemeinschaft steht bei den Rechten derzeit nicht hoch im Kurs.

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