Stuttgart - Eine derartige Baustelle vermutet man nicht an dieser Stelle. Fast idyllisch steht die steile Stahltreppe inmitten des dichten Waldes an den Heslacher Wasserfällen. Doch zwischen Schattenring und Heslacher Tunnel befindet sich einer der Rettungstunnel der Stammstrecke und dieser dient auch als Zugang für die Bauarbeiter. Der Weg führt zunächst über einen langen Stollen. Erst im Anschluss gelangt man in den innerstädtischen Tunnel, genauer gesagt, in den mit knapp vier Kilometer längsten Abschnitt der Stammstrecke zwischen Schwabstraße und Universität Vaihingen. Im Innern herrscht trotz großer Hitze ein kühles Klima – und rege Betriebsamkeit.
Fanden die Arbeiten in den Sperrpausen der S-Bahn während der Sommerferien in den vergangenen Jahren rund um die neue Haltestelle Mittnachtstraße und an den unterirdischen Haltestellen statt, so konzentriert sich die Bautätigkeit nunmehr auf den neuen Abzweig am Birkenkopf. „Wir bringen neue Deckenstromschienen an“, erklärt José Ruiz, bei der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH (PSU) einer der verantwortlichen Projektingenieure für die Oberleitungen.
S-Bahn-Tunnel der Stammstrecke ist zu schmal
Immer wieder ertönt eine laute Hupe, wenn sich das rund 14 Tonnen schwere Zwei-Wege-Fahrzeug in Bewegung setzt. Es verfügt sowohl über Räder als auch Rollen für die Schienen. Gleich vier dieser Fahrzeuge sind im Einsatz, alle mit einer Hebebühne versehen. Schließlich müssen die Arbeiter an die Decke des Tunnels gelangen, um die neuen Leitungen verlegen zu können.
Dabei handelt es sich um eine ausgefeilte Technik, die sich von der sonst üblichen Stromversorgung deutlich unterscheidet. „Der Aufbau eines Kettenwerks ist an dieser neuen Überleitstelle aus Platzgründen nicht möglich“, erklärt Ruiz. Die sonst übliche Standardoberleitung für die S-Bahn mit Tragseil und zwei Fahrdrähten – wie sie seit den Olympischen Spielen in München 1972 in zahlreichen deutschen Großstädten üblich sind – wären nicht passend für die eng konzipierten Tunnelröhren. „Sonst hätte man die Wände baulich erweitern müssen, der Aufwand wäre noch einmal deutlich gestiegen“, betont Ruiz.
Daher habe man sich im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart 21 bereits vor knapp 13 Jahren für die Variante mit den Deckenstromschienen entschieden. Keine ganz neue Erfindung: „In der Schweiz wird diese Technik bereits standardmäßig eingesetzt.“ Die erste Planung begann 2018, inzwischen sind rund 50 Kilometer Deckenstromschienen in Stuttgart verbaut. Insbesondere in „den innerstädtischen Tunneln vom Hauptbahnhof aus in Richtung Feuerbach, Bad Cannstatt und Untertürkheim“, sagt Ruiz. Und nun eben auch die Teile der S-Bahn-Stammstrecke.
Auf rund 600 Metern Länge wird der Bereich rund um die Weiche am Birkenkopf erneuert. Dabei werden die aus rostfreiem Aluminium bestehenden Rohre an der Decke angebracht. Im Anschluss über Spulen per Kupferdraht mit dem Strom versorgt. „Sie sind sehr viel weniger störungsanfällig, sicherer und ermöglichen einen flexibleren Bauablauf“, zählt Ruiz die Vorteile auf. Unter anderem könnten auch die berühmten Aluminium-Luftballons zu Volksfestzeiten nicht mehr einen Kurzschluss auslösen. So soll neben der neuen digitalen Leit- und Sicherheitstechnik, dem Digitalen Knoten Stuttgart (DKS), auch dieser Baustein in Zukunft einen reibungsloseren Ablauf sicherstellen. Der größere Aufwand beim Einbau werde durch die Zuverlässigkeit deutlich wettgemacht, ist der Experte überzeugt.
Es sind aber nicht die einzigen Arbeiten während der – inzwischen sechsten – Sperrung der Stammstrecke in den Sommerferien. Denn gleichzeitig werde im Bereich zwischen Schwabstraße und Universität auch die Hauptstromversorgung mit einem 50-Hertz-Kabel gesichert. „Erst im Anschluss können die weiteren Anschlüsse für die Signale und den Funk erfolgen“, sagt der für die Nachrüstung der Stromversorgung verantwortliche Uwe Altmann. Denn selbstverständlich werde der Tunnel auch im Rahmen des Projekts DKS- mit neuer LST-Technik ausgestattet, ergänzt der für die Stammstrecke verantwortliche Projektingenieur Christian Härtelt und betont: „Ersetzen müssen wir aber keine falsch verlegten Kabel“.
24 Stunden an sieben Tagen in der Woche wird an der Stammstrecke gearbeitet. Unter anderem werden Rolltreppen an der Schwabstraße erneuert und vorbereitende Maßnahmen für den Gleisanschluss an die neue S-Bahn-Strecke am Hauptbahnhof getroffen. Insgesamt 21 Einzelmaßnahmen würden umgesetzt, die Kosten belaufen sich auf rund 20 Millionen Euro.
Keine Aussage der Bahn zu möglichen weiteren Sperrungen
Dass sich die Sperrung in diesem Jahr trotzdem zum ersten Mal über den reinen Zeitraum der Sommerferien hinzieht, liege aber an einer reinen Instandhaltungsmaßnahme. „Vom 20. bis 30. Juli wurden zehn Tage lang die Gleise in der Wendeschleife an der Schwabstraße erneuert“, sagt Härtelt.
Die Bahn will sich dabei aber nicht in die Karten schauen lassen, ob es sich um die nunmehr letzte Sperrung der Stammstrecke während der Sommerferien handelt. „Die erforderlichen Sperrpausen für das neue Inbetriebnahmekonzept von Stuttgart 21 und Digitalem Knoten Stuttgart sowie für die notwendigen Instandhaltungen an der bestehenden Infrastruktur werden derzeit noch aufeinander abgestimmt. Deshalb kann die Deutsche Bahn dazu derzeit noch keine verbindliche Aussage treffen.“, erklärt ein Bahnsprecher. Die Pendler dürfen also weiter gespannt sein.

