Stuttgart - Dass das Marienhospital Stuttgart Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet hat, hat Mitte Juni bundesweit Schlagzeilen gemacht. Um aus dem Minus zu kommen, wolle das Krankenhaus vor allem die Kosten senken, sagte der Geschäftsführer Jan Schlenker kürzlich im Interview mit unserer Redaktion. Erreichen könne man das hauptsächlich durch weniger Personal. Schließungen von Abteilungen seien allerdings nicht geplant, so Schlenker Anfang Juli weiter.
Am Marienhospital werden 100 Stellen abgebaut
Nun ist auf den Internetseiten der Klinik im Stuttgarter Süden zu lesen, dass die Schmerzambulanz auf Ende August schließt: „Liebe Patientinnen und Patienten, mit großem Bedauern müssen wir Sie darüber informieren, dass unsere Schmerzambulanz ab dem 1. September 2026 nicht mehr weitergeführt wird“, heißt es dort. Aus diesem Grund nehme man „ab sofort“ keine neuen Patienten mehr an. Bereits in Behandlung befindliche Patienten könnten die Ambulanz noch bis zum 31. Juli erreichen. „Wir bitten Sie um Ihr Verständnis und danken Ihnen für das Vertrauen, das Sie uns bislang entgegengebracht haben“, heißt es abschließend.
Die Schmerzmedizin ist im Marienhospital an die Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerzmedizin angegliedert und in stationäre sowie ambulante Bereiche unterteilt. In der ambulanten Schmerzmedizin werden vor allem Menschen mit chronischen Schmerzen sowie Krebspatienten mit Tumorschmerzen behandelt. Ob die angekündigte Schließung der Schmerzambulanz im Zusammenhang mit dem Insolvenzverfahren steht, ist seitens der Geschäftsführung jedoch nicht bestätigt. Auch zu kursierenden Gerüchten, allen Mitarbeitern der Ambulanz sei bereits gekündigt worden, steht eine Stellungnahme der Geschäftsführung aus.
Noch vor wenigen Tagen hatte Schlenker betont, der Klinikbetrieb gehe „uneingeschränkt weiter“. „Es muss niemand damit rechnen, dass bestimmte Leistungen nicht mehr erbracht werden können“, sagte er im Interview mit unserer Redaktion. Klar ist allerdings, dass weitere Sparmaßnahmen folgen werden. Stand jetzt müssen etwa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Zuge der Insolvenz in Eigenverwaltung gehen.
Diese Zahl beziehe sich „auf die Differenz zwischen dem Personalbestand Mitte April“ , also dem Amtsantritt der jetzigen Geschäftsführung, und dem „geplanten Bestand zum 31. Dezember 2026, mit dem wir in das Jahr 2027 starten wollen“, so Jan Schlenker auf Anfrage unserer Redaktion.
Bei dem geplanten Abbau sind laut Schlenker „alle Arten von Stellenbesetzungen inbegriffen, auch die des sogenannten Leihpersonals“. Bei Letzterem handelt es sich um Personal, das über Fremdfirmen angestellt wird - eine gängige, aber teure Praxis an deutschen Krankenhäusern, um Personalengpässe abzudecken. „Der Stellenabbau ist berufsgruppenübergreifend und wird zu einem großen Teil auch in patientenfernen Bereichen vorgenommen, etwa in der Verwaltung“, fügte Schlenker hinzu.
Diakonie-Klinikum steht wirtschaftlich gesund da
Derweil rechnet der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhausverbandes in Baden-Württemberg, Bernd Rühle, mit weiteren Klinik-Insolvenzen. „Bundesweit wird sich das nicht vermeiden lassen“, sagte er. Es gebe genügend Häuser, die nicht mehr wüssten, wie sie weitermachen sollen. Das gelte nicht nur für evangelische Träger.
Als Hauptgrund nannte Rühle ein neues Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge, das die Erträge der Krankenhäuser kürze. Gleichzeitig könnten die Kliniken kaum sparen. „Wenn die Kosten, etwa durch Tarifsteigerungen, stärker steigen als die Erlöse, geht einem zwangsläufig irgendwann die Luft aus“, so Rühle, der auch Geschäftsführer des Diakonie-Klinikums Stuttgart ist.
Von der Politik fordert Rühle, die Erlössteigerungen mindestens an die Kostensteigerungen zu koppeln. Außerdem müsse die geplante massive Ausweitung der Rechnungsprüfungen durch den Medizinischen Dienst gestoppt werden. „Das schafft auf beiden Seiten nur mehr Bürokratie“, kritisierte er. Die geplanten Kürzungen bei pflegeentlastenden Maßnahmen müssen aus seiner Sicht zurückgenommen werden.
Rühle räumte ein, dass es in Deutschland „unzweifelhaft zu viele Krankenhäuser“ gebe. Baden-Württemberg habe jedoch bereits die geringste Bettendichte aller Bundesländer und damit „die effizienteste Struktur Deutschlands“. Die aktuelle Politik des Bundes gehe „mit dem Rasenmäher über alle hinweg“ und bestrafe genau jene, die schon effizient seien.
Das Diakonie-Klinikum Stuttgart selbst sei „wirtschaftlich kerngesund“ und nicht gefährdet.

