Stuttgart - Drei Jahre nach der Entscheidung im Architektenwettbewerb um die äußere Form der Stuttgarter Interimsoper steht eine zentrale Weichenstellung an. Im Juni 2023 hatten sich A+R Architekten aus Stuttgart zusammen mit NL Architects (Amsterdam) im europaweiten Realisierungswettbewerb unter 20 Konkurrenten durchgesetzt. Seitdem arbeiten die Büros zusammen mit der von Land und Stadt getragenen Projektgesellschaft Württembergische Staatstheater (ProWST) in diversen Abspeckrunden, um das modulare Interim in einem erträglichen Kostenrahmen zu halten. Nun soll die Entscheidung über die Bühne auf Zeit fallen. Das Interim wird wesentlich teurer als ursprünglich erwartet.
Ungebremste Baupreisentwicklung
Der Gemeinderat hatte im Dezember 2025 alle Rücklagen (185 Millionen) für den Komplex Oper und Wohnungsbau aufgelöst, um den hoch defizitären Doppelhaushalt 2025/26 genehmigungsfähig zu bekommen. In der letzten Sitzung vor der Sommerpause am 30. Juli soll der Rat nun die Richtungsentscheidung durch die Freigabe der weiteren Planung für das Interimsgebäude treffen.
OB Frank Nopper und Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) werben bei den Fraktionen für das Interim. Die Kosten haben sich gegenüber den ersten Annahmen aus 2019, die auf der Seite des Finanzministeriums Baden-Württemberg weiterhin nachzulesen sind, nahezu verdreifacht, und zwar von 104 auf rund 290 Millionen Euro für das Interim bei den Wagenhallen. Beide Zahlen seien aus Sicht des Kunstministeriums „nicht zu vergleichen, da es sich um komplett unterschiedliche Planungsstände handele“, teilte das Ministerium mit. Die Baumasse soll nun um 40 Prozent, die Zuschauerzahl unter die geplanten 1200 sinken. Sie liegt dem Vernehmen nach knapp über 1000. Das Opernhaus zählt heute 1404 Plätze. Zum Interim kommen neue Werkstätten am Standort Zuckerfabrik in Bad Cannstatt, für die dem Gemeinderat im September 2025 genau 127 Millionen Euro genannt wurden. In Summe gehe es um rund 420 Millionen Euro, die von Stadt und Land je hälftig bis zur Fertigstellung 2032 aufgebracht werden müssen.
Das Interim ist Vorbedingung für die umfassende Sanierung und geplante Erweiterung der Staatsoper am Eckensee, die sich bis 2042 ziehen soll. Dem Verwaltungsrat der Staatstheater wurde die Kostenentwicklung für das Interim vom Vorsitzenden, OB Nopper, der Kunstministerin Petra Olschowski (Grüne) und dem ProWST-Geschäftsführer Christoph Niethammer am Montag erläutert. Wesentlicher Kostentreiber sei die durch Pandemie und Kriege angefachte Baupreisentwicklung mit einem Aufschlag von 49 Prozent von 2019 bis Mitte 2026. Rechnet man die starke Baupreisentwicklung seit 2019 weiter, was ProWST für das Interim offenbar tut, könnten allein die Sanierung und Erweiterung (dazu zählt das Kulissengebäude an der B14) des historischen Littmannbaus bis in das Jahr 2042 zwischen 1,6 und 1,8 Milliarden Euro kosten. Der Stuttgarter Opernkomplex mit den drei Teilen Interim, Werkstätten und Littmannbau läge dann bei bis zu 2,2 Milliarden Euro.
Der Steuerzahlerbund hat bereits bei niedrigeren Beträgen „Realitätssinn“ angemahnt. Auf Anfrage sagte das Kunstministerium, dass „eine Schätzung der zu erwartenden Gesamtkosten erst dann sinnvoll möglich“ sei, wenn „alle drei Teilprojekte die dafür erforderliche Planungstiefe erreicht haben“. Zwei oder über zwei Milliarden Euro Baukosten seien „reine Spekulation“.
Bisher hat auch die neue Landesregierung keine Absetzbewegung gegenüber der Mega-Sanierung gezeigt, dagegen plädiert die Fraktion SPD/Volt im Gemeinderat dafür, die Oper (und die Kosten) komplett an das Land abzugeben. Bei den Sanierungsplänen für den Littmanbau, für die bis Jahresende ein Architektenwettbewerb läuft, soll es keine Tabus geben, hört man im Gemeinderat. Die gewünschte Kreuzbühne stünde damit ebenso zur Disposition wie der Neubau des Kulissengebäudes.
Nopper und Olschowski warben in einer Pressemitteilung am Montagabend für den Bau der Interimsgebäude am Standort Wagenhallen (Stuttgart-Nord). Man müsse weiterhin Einsparpotenziale untersuchen, der Littmannbau aber könne „nicht unter laufendem Betrieb saniert werden“, so Nopper. Zudem bestehe das Risiko, dass das Opernhaus „von einem auf den anderen Tag geschlossen werden muss“.
Den Zeitplan mit der Inbetriebnahme der Interimsspielstätte im Jahr 2033 will ProWST halten. Dabei helfe eine vereinfachte Bauausführung samt Reduzierung der Foyer- und Lagerflächen. Das eigentliche Operngebäude soll dank des modularen Konzepts später im besten Fall verkauft und an anderer Stelle weiter genutzt werden.

